BRÜSSEL — Die Europäische Kommission wird in den kommenden drei Monaten eine
Überprüfung des Verbrenner-Aus durchführen. Das teilte sie gegenüber Vertretern
der Autohersteller und Zulieferer am Freitag mit.
Bis Ende des Jahres soll ein Vorschlag zur Änderung des Gesetzes vorgelegt
werden. Allerdings ist noch unklar, was genau an der Verordnung geändert wird,
die faktisch ein Verbot von Verbrennungsmotoren ab dem Jahr 2035 darstellt,
sagten mehrere Brancheninsider gegenüber POLITICO nach einem strategischen
Dialog zwischen dem Automobilsektor und Kommissionspräsidentin Ursula von der
Leyen.
„Mein Eindruck ist, dass sie am Ziel festhalten will, aber alternative Wege
finden möchte, um die 100-Prozent-Ziele einzuhalten“, sagte William Todts,
Geschäftsführer der Umwelt-NGO Transport & Environment, der an dem Treffen
teilnahm.
Die Industrie und ihre politischen Unterstützer drängen seit Monaten darauf, die
Gesetzgebung abzuschwächen, um die Verwendung des Verbrennungsmotors weit über
2035 zu ermöglichen – unter anderem durch Ausnahmen für Hybride oder alternative
Kraftstoffe.
Von der Leyen überraschte die Branche am Mittwoch, als sie in ihrer Rede zur
Lage der Union eine Initiative für „kleine, erschwingliche Autos“ ankündigte,
die sich auf die Entwicklung von in Europa hergestellten Elektroautos für
preisbewusste Verbraucher konzentrieren soll.
In einem Papier, das den Teilnehmern vor dem strategischen Autodialog zugesandt
und von POLITICO eingesehen wurde, ging von der Leyen dem Thema Emissionen aus
dem Weg und versprach stattdessen einen Vorschlag zur Elektrifizierung von
Firmenflotten. Am Freitag wurde jedoch laut Gesprächskennern keine solche
Initiative diskutiert.
Die Tagesordnung verärgerte die Teilnehmer, insbesondere die deutschen
Autobauer, die am stärksten für eine Änderung des 2035-Gesetzes lobbyiert haben.
Einige stellten die Sinnhaftigkeit der Teilnahme an den Dialogen grundsätzlich
infrage.
Von der Leyen hatte das erste derartige Treffen zu Jahresbeginn veranstaltet,
das im März in den „Automotive Action Plan“ mündete. Dieser Plan gewährte der
Industrie zwar gewisse Erleichterungen bei den Emissionszielen für dieses Jahr,
verschob jedoch jede Entscheidung über die Regelung ab 2035 auf später.
Einige Branchenvertreter zweifelten vor dem Treffen am Freitag am Sinn des
Formats, da es bislang keine „Bewegung oder Hinweise auf Anpassungen“ gegeben
habe, sagte eine Quelle unter der Bedingung der Anonymität.
„Dies war vielleicht die letzte Chance, und offenbar hat auch die Kommission das
so verstanden“, fügte die Quelle hinzu, wenngleich die Sitzung konstruktiv
gewesen sei.
Abgesehen von der Arbeit an der 2035-Regelung kündigte von der Leyen nach dem
Treffen die Einrichtung von zwei Arbeitsgruppen unter ihrer Leitung an.
Die erste soll sich auf die Initiative für kleine Elektroautos konzentrieren.
Die Kommission möchte, dass ein solcher Vorstoß auch local content rules
einschließt – die europäische Produzenten bevorzugen würde.
Die Idee wurde von den Teilnehmern überwiegend positiv aufgenommen. Allerdings
dürfe man diese Regeln nicht zu starr einsetzen.
„Es kann keine europäische Insel geben“, sagte ein Branchenvertreter.
Die zweite Arbeitsgruppe soll definieren, was „Technologieneutralität“ in der
Praxis bedeutet. In der Branche wird der Begriff oft verwendet, um mehr
Flexibilität in der 2035-Gesetzgebung zu fordern – etwa durch den Einsatz
alternativer Kraftstoffe wie E-Fuels oder Biokraftstoffe.
Autohersteller betonen, diese Kraftstoffe seien sauberer als Benzin und Diesel.
Kritiker halten dagegen, dass sie nicht so umweltfreundlich seien wie Batterien
und nicht in ausreichender Menge produziert werden könnten, um eine realistische
Lösung für Pkw darzustellen.
Tag - Autoindustrie
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Frankreich steht vor dem politischen Kollaps: Heute Abend droht die Regierung
von Premier François Bayrou zu stürzen. Nicolas Barré, Chefredakteur von
POLITICO in Paris, analysiert die Hintergründe der Krise und was sie für die
Stabilität des Euro und die deutsche Politik bedeutet. Die Machthaber-Folge über
Marine Le Pen vom Rassemblement National findet ihr hier.
Im 200-Sekunden-Interview: Anke Rehlinger. Die saarländische Ministerpräsidentin
und deutsch-französische Kulturbeauftragte über den bevorstehenden Besuch von
Emmanuel Macron in Saarbrücken am Tag der Deutschen Einheit und die Krise in der
deutschen Autoindustrie.
Außerdem: Die parlamentarische Sommerpause ist vorbei. Die Koalition startet in
den Herbst und gibt sich Mühe, die Spannungen hinter sich zu lassen. Rasmus
Buchsteiner berichtet, wie Kanzler Merz auf die SPD zugeht und warum deshalb in
der Union der Druck wächst.
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Gordon Repinski im Gespräch mit BMW-Chef Oliver Zipse. Im Zentrum: Der neue SUV
iX3 und die „Neue Klasse“. BMWs frontaler Angriff auf Tesla und chinesische
Hersteller wird am heutigen Freitag, 11 Uhr deutscher Zeit der Öffentlichkeit
offiziell vorgestellt. Zipse erklärt die neue Designsprache „Licht statt Chrom“,
das „Panoramic Display“ im Innenraum und warum auch der Sound einer sich
öffnenden oder zuschlagenden Autotür mit entscheidet.
Der CEO spricht über den harten Wettbewerb in China, seinen persönlichen
Austausch mit Donald Trump über die US-Zölle und warum BMW trotz schwieriger
Zeiten nicht in der Krise steckt.
Es geht außerdem über die zurückliegenden Monate seiner Amtszeit, die Zukunft
der deutschen Autoindustrie und was er vom angekündigten „Herbst der Reformen“
der Bundesregierung erwartet.
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Was Deutschlands neue Rolle im Welthandel bedeutet – verständlich, relevant, auf
den Punkt.
Von TOM SCHMIDTGEN
Mit LAURA HÜLSEMANN und ROMANUS OTTE
Im Browser anzeigen oder hier anhören.
— Kanzler und Wirtschaftsministerin drängen in der EU auf eine
wirtschaftsfreundliche Linie. Oft mit Erfolg, wie Romanus Otte analysiert.
— Die Sorge vor einem Scheitern der Zoll-Verhandlungen wächst. Fraglich ist, ob
Brüssel und Berlin dasselbe Ziel haben.
— Die CDU/CSU-Fraktion hat Eckpunkte für Anreize gegen den Fachkräftemangel
beschlossen, die POLITICO vorliegen.
Guten Morgen und willkommen bei Industrie & Handel. Heute gilt: Nach dem
Nato-Gipfel ist vor dem EU-Gipfel.
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lhulsemann@politico.eu, tmumme@politico.eu und jkloeckner@politico.eu.
Oder folgen Sie uns auf X: @TommesFrittes, @HulsemannLaura, @ThorstenMumme &
@herrkloeckner
THEMA DES TAGES
DRUCK, DRUCK, DRUCK: Friedrich Merz reist heute erstmals als Kanzler zum
EU-Gipfel. Neben den Themen Ukraine, Migration und Zölle (unten mehr) hat Merz
in Brüssel eine besondere Mission.
Er will die Wirtschaftswende à la Deutschland in die EU bringen, hören
POLITICO-Kolleginnen und Kollegen in vielen Gesprächen in Berlin und Brüssel.
„Deutschland ist zurück“, lautet Merz’ Mantra. In der EU hat das zwei Folgen.
Die schwarz-rote-Bundesregierung dreht die Wirtschaftspolitik auf rechts. Und
Merz macht den Anspruch deutlich, diese Linie auch in Europa durchzusetzen.
Neue Inhalte, neuer Stil: Deutlich wurde das zuerst bei der Lockerung der
Lieferkettenrichtlinie sowie am Streit um die geplante Richtlinie gegen
Greenwashing in der Werbung.
Die Green-Claims-Richtlinie wurde auch durch Druck aus Deutschland zur Kampfzone
zwischen Parlament und Kommission (mehr hier).
Erst nein: Am Freitag hatte es noch geheißen, die Richtlinie werde
zurückgezogen.
Dann vielleicht: Gestern stellte ein EU-Beamter, der Kommissionschefin Ursula
von der Leyen nahesteht, gegenüber meinen Kollegen Marianne Gros und Karl
Mathiesen klar: „Zu keinem Zeitpunkt hat es einen Rückzieher bei der
Verpflichtung zu den Green Claims gegeben.“
Merz ficht den Streit nicht an. Unterstützt wird er von der EVP-Fraktion. Deren
Chef Manfred Weber nannte die Debatte um die Green-Claims-Absage im Interview
mit meinen Kollegen Oliver Noyan, Rasmus Buchsteiner und Hans von der Burchard
„grotesk“ (mehr hier).
Omnibus? Güterzug! Merz und Wirtschaftsministerin Reiche verweisen auf mehr als
1000 Rechtsakte der EU. Um sie zu verschlanken, brauche es keinen Omnibus, sagt
Reiche, sondern einen australischen Eisenerz-Güterzug. Die längsten haben 655
Waggons.
‚Ich will alles.’ In Brüssel werde Merz heute seine Themen Wettbewerbsfähigkeit
und Bürokratieabbau pushen, erfuhr meine Kollegin Nette Nöstlinger aus
Regierungskreisen in Berlin.
BEISPIEL INDUSTRIESTROMPREIS: Bei ihrem Amtsantritt hatte Reiche noch gewarnt,
für die geplanten Subventionen für Strompreise und neue Reserve-Gaskraftwerke
müsse sie in Brüssel noch „dicke Bretter“ bohren.
50 Tage später ist das Brett durch. Brüssel macht den Weg für den
Industriestrompreis frei. Die Kommission veränderte den Beihilferahmen so, dass
Strompreis-Subventionen für besonders energieintensive Unternehmen möglich
werden.
Was erlaubt wird: Subventionen dürfen den Marktpreis um bis zu 50 Prozent senken
— bis zur Hälfte des Stromverbrauchs einer Firma und nicht unter 50 Euro je
Megawattstunde.
Befristung: Die Beihilfen dürfen maximal drei Jahre pro Unternehmen gewährt
werden und müssen spätestens Ende 2030 auslaufen.
Klima-Investitionen: Unternehmen müssen die Hälfte der Beihilfen innerhalb von
vier Jahren in die Senkung ihrer CO2-Emissionen investieren. Förderfähig sind
erneuerbare Energien, Speicher, CO2-armer Wasserstoff und unter Umständen auch
Gas und Atomkraft.
Reiche begrüßte den Schritt. Offiziell zumindest. In einer Fragestunde im
Bundestag kritisierte sie aber die Befristung und Auflagen: „Da sind wir noch
nicht durch.“
ZÖLLE
ZOLL-ZWEIFEL: Christian Forwick, Abteilungsleiter Außenwirtschaft im
Wirtschaftsministerium, äußerte Zweifel, ob ein Abkommen vor Ablauf der
Trump’schen Frist realisierbar ist.
„Wir sehen immer noch eine Menge Turbulenzen. Ich bin nicht sicher, ob der 9.
Juli, was auch immer dabei herauskommt, der richtige Termin ist“, sagte Forwick
bei einer Diskussion des Aspen Institute, die mein Kollege Jürgen Klöckner
moderierte.
Hoffnung: „Aber ich bin mir sicher, dass wir uns in die richtige Richtung
bewegen“, sagte Forwick. Er hatte Reiche vergangene Woche nach Washington
begleitet und US-Finanzminister Scott Bessent und den US-Handelsbeauftragten
Jamieson Greer getroffen.
10-Prozent-Frage: Die Regierung könne mit einem niedrigen Basiszoll leben —
wenn er Berechenbarkeit bringe. „Wenn wir Zölle alle paar Wochen ändern, ist es
für Unternehmen nicht möglich, die notwendige Planung vorzunehmen“, sagte er.
Aber 25 Prozent? Das sei ein No-Go. „Ich denke zum Beispiel an den
Automobilsektor — da gibt es einen sehr hohen Zoll von 25 Prozent“, sagte
Forwick. Das wäre „wirklich das Ende einiger Handelsbeziehungen“. Sektoren wie
Pharma, Halbleiter und Flugzeuge seien wegen ihrer starken Verflechtungen
besonders anfällig.
NUN LIEFERT MAL: Beim EU-Gipfel in Brüssel erwarten die Staats- und
Regierungschefs heute ein Update der EU-Exekutive zu den Gesprächen mit der
Trump-Administration.
Merz will auf schnelle, schlanke Abkommen zu den größten Wirtschaftszweigen
drängen. Ihn treibt die Sorge um, dass Brüssel einen umfassenden Handelsrahmen
ausarbeiten könnte, bei dem die wichtigsten deutschen Industriebranchen
schlechter wegkommen.
Die Beibehaltung der gegenseitigen Zölle „ist nicht das Mandat, das wir der
Europäischen Kommission erteilt haben“, sagte ein EU-Diplomat unseren Kollegen
Camille Gijs and Jordyn Dahl in Brüssel.
Mehr zum Stand der Zoll-Debatte und den deutschen Sorgen finden Sie hier.
FACHKRÄFTEMANGEL
AN DIE ARBEIT: Die CDU/CSU-Fraktion hat erste Vorschläge zu den im
Koalitionsvertrag vereinbarten Arbeitsanreizen gegen den Fachkräftemangel
beschlossen. Die Eckpunkte liegen meiner Kollegin Pauline von Pezold vor.
1. Aktivrente: „Wir wollen Arbeiten im Alter attraktiver machen“, heißt es zur
Aktivrente (hier). „Wer das gesetzliche Rentenalter erreicht und freiwillig
weiterarbeitet, wird sein Gehalt bis zu 2.000 Euro im Monat steuerfrei
erhalten.“
Wichtig: Der „neue Freibetrag soll zusätzlich zum Grundfreibetrag gelten“. Die
SPD wollte bisher lediglich den Grundfreibetrag auf 2000 Euro aufzustocken.
Aktivrentner sollen keine Beiträge zur Renten- und Arbeitslosenversicherung
zahlen. Damit sie weiter für ihren Arbeitgeber arbeiten können, soll für sie das
Vorbeschäftigungsverbot für befristete Verträge aufgehoben werden.
2. Überstunden: Zuschläge für Überstunden jenseits der Vollzeitarbeit sollen
steuerfrei werden (hier). Als Vollzeit sollen für tarifliche Regelungen
mindestens 34 Stunden und für nicht tariflich festgelegte Arbeitszeiten 40
Stunden pro Woche gelten.
3. Aufstockung von Teilzeit: „Wenn Arbeitgeber eine Prämie zur Ausweitung der
Arbeitszeit zahlen, werden wir diese Prämie steuerlich begünstigen“, heißt es in
dem Papier (hier). Steuerfrei sind für eine dauerhafte Erhöhung der
wöchentlichen Arbeitszeit gewährte Prämien bis maximal 225 Euro/Stunde und
insgesamt 4.500 Euro.
ARBEITSKOSTEN
DER NÄCHSTE SCHRITT BEIM RENTENPAKET: Arbeitsministerin Bärbel Bas konkretisiert
die Rentenpläne der Regierung: Sie will die Mütterrente ausweiten, das
Rentenniveau bis 2031 bei 48 Prozent festschreiben — und dennoch sollen die
Beiträge in dieser Wahlperiode nicht stärker steigen als sie es ohnehin getan
hätten.
Die Details: Rasmus Buchsteiner hat den Gesetzentwurf des Arbeitsministeriums
eingesehen, der nun im Kabinett abgestimmt werden soll. Demnach soll die
Mütterrente für Frauen mit vor 1992 geborenen Kindern erst 2028 starten. Die
Haltelinie für das Rentenniveau würde erstmals 2029 greifen.
Die Finanzierung: Die Kosten von rund 14 Milliarden Euro bis Ende 2029 übernimmt
der Bund aus Steuergeld. Der Beitragssatz steigt laut Gesetzentwurf von heute
18,6 Prozent auf 20,0 Prozent im Jahr 2028.
AUTOINDUSTRIE
NICHT MEHR GELADEN LADEN: Die technischen Anforderungen an öffentlich
zugänglichen Ladepunkten für E-Autos sollen vereinheitlicht werden. Meinem
Kollegen Lars Petersen liegt der Referentenentwurf der überarbeiteten
Ladesäulenverordnung aus dem BMWE vor (hier).
Einmal hin, alles drin: Die Regelung soll den Wildwuchs bei Steckerformaten,
digitaler Vernetzung und Authentifizierung eindämmen und gleichzeitig für
weniger Bürokratie bei den Betreibern sorgen. Sie sollen Nachweise über
technische Standards nur noch auf Anforderung vorlegen müssen.
Auch die Meldeverfahren für In- und Außerbetriebnahme sowie Betreiberwechsel
sollen leichter werden. Die Bundesnetzagentur erhält dafür erweiterte Kontroll-
und Sanktionsbefugnisse.
Zeitplan: Deutschland passt damit sein Recht an die europäische AFIR-Verordnung
an. Bis zum 4. Juli ist der Entwurf in der Verbändeanhörung.
MERCOSUR
VEREINT IM PROTEST: Frankreich und Polen haben gemeinsam Kritik am
ausgehandelten Mercosur-Abkommen geübt. Die Agrarminister warnten, das Abkommen
könne Proteste ihrer Landwirte auslösen, da es den Markt mit billigen Importen
aus Südamerika fluten würde.
Sie werfen der EU-Kommission vor, heimlich verhandelt und die Interessen der
Landwirte missachtet zu haben. Brüssel schlägt zwar ein Zusatzprotokoll und
einen Ausgleichsfonds vor, doch das überzeugt Paris und Warschau nicht.
Voraussichtlich Ende Juni oder Anfang Juli will die EU-Kommission den
Mitgliedstaaten den finalen Text des Abkommens vorlegen.
ETS2
WEITERE ENTLASTUNGEN: 16 der 27 EU-Länder wollen die bevorstehende
CO₂-Bepreisung für Autos und Heizungen ändern. Das geht aus einem Dokument
hervor, das unserer Kollegin Louise Guillot vorliegt (hier).
Deutschland unterstützt den Vorstoß. An dem Arbeitspapier schrieb auch die
Fachebene aus Berlin mit. Mit großen Preissprüngen sei niemand geholfen — auch
nicht dem Klima, hört Laura Hülsemann aus dem Umweltministerium.
Strg + Entf: Gestern hat Deutschland erstmals Zertifikate gelöscht. Insgesamt
wurden CO2-Zertifikate im Wert von 514.000 Tonnen vom Markt genommen.
Grund ist der Kohleausstieg und die dadurch wegfallenden Emissionen. Durch die
Löschung wird der sogenannte „Wasserbetteffekt“ vermieden und es dürfen nicht
mehr an anderer Stelle Klimagase ausgestoßen werden.
Mehr dazu hier.
ANSIEDLUNGSPOLITIK
SECHS AUF EINEN STREICH: Sechs Konsortien aus Deutschland haben sich bislang für
den Bau einer AI Gigafactory beworben. Die Zahl nannte das
Forschungsministerium.
„Als Bundesregierung haben wir allen deutschen Bewerbern zugesichert, ihre
Interessensbekundung gegenüber der EU-Kommission zu unterstützen“, sagte eine
Sprecherin zu Tom Schmidtgen auf Nachfrage.
Kanzler Merz hatte am Montag beim Tag der Industrie gesagt, dass Deutschland
„vielleicht eine, vielleicht zwei, sogar drei große Gigafactories“ bauen
könne.
Fünf AI Gigafactories will die EU ausschreiben und fördern. Sie bestehen aus
mehr als 100.000 speziellen Chips und sind für Anwendungen der Künstlichen
Intelligenz essenziell. Die Frist lief am 20. Juni aus.
Druck aus Dresden: Sachsen fordert, bei den Chips europäische Hersteller zu
priorisieren. Es müsse ein „Anliegen sein, auch europäische Technologien“ zu
berücksichtigen, sagte ein Regierungssprecher zu Tom. Dafür solle „die
öffentliche Beschaffung als strategisches Instrument genutzt werden“. Sachsen
hat mit dem „Silicon Saxony“ die größte Halbleiterproduktion in Europa.
HABECK KAM NICHT: Die Nachricht, über die POLITICO schon am Montag berichtet
hatte, erreichte Robert Habeck offenbar erst gestern: Er sollte im
Haushaltsausschuss zur geplatzten Northvolt-Förderung aussagen.
Party statt Northvolt: Offenbar wurde vergessen, Habeck rechtzeitig vorzuladen,
berichtet der Spiegel. Das Sekretariat habe nur die Tagesordnung aktualisiert,
ihm aber erst am Mittwoch kurz vor 11 Uhr geschrieben. Die Folge: Er kam nicht.
Der Tagesordnungspunkt wurde wegen einer Ausschuss-Grillparty am Abend fallen
gelassen.
Union sauer: „Das ist ein verantwortungsloses Machtspiel“, sagte
Unions-Fraktionsvize Sepp Müller zu Tom. Habeck gehe es nicht „um
wirtschaftliche Sorgfalt, nicht um parlamentarische Kontrolle“.
Nachfolgerin Reiche sagte in ihrer Regierungsbefragung, Habecks Entscheidung für
Northvolt sei mit guter Absicht getroffen worden, habe sich aber als
„fehlerhaft“ erwiesen.
HEUTE WICHTIG
— WIRTSCHAFTSWENDE: Um 9 Uhr berät und beschließt der Bundestag den
Investitions-Booster. Hier geht’s zur Tagesordnung.
— JAPAN: Um 13.30 Uhr tauscht sich Forschungsministerin Dorothee Bär mit dem
japanischen Minister für wirtschaftliche Sicherheit, Minoru Kiuchi, aus.
— SPD: Um 14:15 Uhr nimmt Umweltstaatssekretär Jochen Flasbarth an einer
Paneldiskussion zum Clean Industrial Deal beim Wirtschaftsforum der SPD teil.
Das war Industrie und Handel — das Wirtschaftsbriefing von POLITICO. Vielen
Dank, dass Sie uns lesen und abonnieren. Bis zur nächsten Ausgabe!
Was Deutschlands neue Rolle im Welthandel bedeutet – verständlich, relevant, auf
den Punkt.
Von TOM SCHMIDTGEN
Mit LAURA HÜLSEMANN, JÜRGEN KLÖCKNER und ROMANUS OTTE
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TOP-THEMEN
— Unternehmen sollen nicht für die Lieferkette ihrer Zulieferer haften, findet
die Bundesregierung, wie uns Stefan Rouenhoff im Interview sagte.
— Merz bricht am Wochenende zum G7-Gipfel nach Kanada auf – wo es um Rohstoffe
und den Umgang mit China gehen wird.
— Forderungen nach dem Verbrenner-Aus-Aus erreichen uns jetzt auch aus der Union
und dem Arbeitgeberverband Gesamtmetall.
Guten Morgen und willkommen bei Industrie und Handel – heute zum ersten Mal von
mir, Tom Schmidtgen.
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@herrkloeckner
THEMA DES TAGES
RAN AN DIE RICHTLINIE: Die Bundesregierung hat erstmals deutlich gemacht, wie
sie die EU-Lieferkettenrichtlinie entschärfen will: bei der Haftung von Managern
und Unternehmern sowie den indirekten Folgen für kleine und mittlere Firmen.
„Wir wollen keine zivilrechtlichen Haftungsregeln“, sagte Stefan Rouenhoff,
Parlamentarischer Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, zu Laura Hülsemann
und Romanus Otte.
Nicht abwälzen: „Und es sollte sichergestellt werden, dass unmittelbar vom
Gesetz betroffene große Unternehmen ihre rechtlichen Verpflichtungen nicht
einfach auf mittelständische Zulieferer abwälzen können.“
Union und SPD wollen das deutsche „Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz“
abschaffen. Zu der EU-Richtlinie vereinbarte die Koalition aber nur, sich für
eine „bürokratiearme Lösung insbesondere für kleine und mittelständische
Unternehmen“ einzusetzen.
Rouenhoff wird deutlich: „Es muss Schluss sein mit überzogenen Vorgaben für
unsere Wirtschaft.“ Damit die EU-Richtlinie für Unternehmen gangbar werde, seien
noch „wesentliche Erleichterungen nötig“.
Vorschlag aus Brüssel: Der Entwurf eines Parlamentsberichts, der unserer
Kollegin Marianne Gros exklusiv vorliegt, schlägt weitere Abschwächungen vor.
Er besagt, dass nur Unternehmen mit mehr als 3.000 Mitarbeitern und einem
Nettoumsatz von mindestens 450 Millionen Euro unter die Richtlinie fallen
sollen. Zuvor hatte die Kommission den Anteil der betroffenen Firmen über
Schwellenwerte bereits um 80 Prozent verringert.
Rouenhoffs Skepsis: Wenn die Richtlinie nur für große Unternehmen gilt, sie dann
aber die gesamte Lieferkette überwachen sollen, würden die daraus resultierenden
Pflichten auch die kleineren Zulieferer und deren Zulieferer treffen.
Was will Bas? Unklar ist, ob das SPD-geführte Arbeitsministerium da mitgeht. Ein
Sprecher von Bärbel Bas verwies auf Anfrage nur auf die Ziele des
Koalitionsvertrages.
Merz und Macron hatten sogar die völlige Abschaffung der EU-Richtlinie ins Spiel
gebracht. In diese Kerbe schlägt jetzt auch der Arbeitgeberverband
Gesamtmetall.
„Ich finde, das muss komplett fallen“, sagte Gesamtmetall-Chef Stefan Wolf zu
Romanus. „Nicht nur das deutsche Gesetz, auch die EU-Richtlinie.“
„Wenn das nicht gelingt, müssen auf jeden Fall die Gültigkeit für die gesamte
Lieferkette und die persönliche Haftung für Vorstände, Geschäftsführer und
Aufsichtsräte raus“, forderte Wolf.
G7-GIPFEL
TEAMBUILDING: Friedrich Merz reist am Sonntag in die Berge Kanadas. In
Kananaskis im Bundesstaat Alberta nimmt der Kanzler zum ersten Mal an einem
G7-Gipfel teil.
Hauptziel seit Trump II: Kein Streit, kein Eklat. Die G7 soll unbedingt eine
Gruppe der SIEBEN bleiben, hört Romanus aus der Bundesregierung. Ein „1 gegen 6“
darf es nicht geben, heißt es.
Kanadas Gastgeber Mark Carney hat dafür eine Taktik. Statt einer großen
Abschlusserklärung soll es sieben Dokumente zu Themenblöcken geben.
Die sieben Themen: Kritische Rohstoffe, Waldbrände, Migration & Schmuggel,
Künstliche Intelligenz, Quantencomputer, finanzielle Partnerschaften sowie
transnationale Übergriffe.
Der Plan: Statt über den Klimawandel über Waldbrände reden, die auch in den USA
wüten. Und die Themen Handel und Zölle sind zwar vermintes Gelände, aber an
Rohstoff-Deals hat auch Trump Interesse.
Zu Rohstoffen und Energie hat Kanada einen Aktionsplan vorbereitet. Ziel: Mit
Geld der G7 mehr Rohstofflager in Ländern des Globalen Süden zu erschließen.
Dies soll Abhängigkeiten – vor allem von China – verringern. Dazu geladen sind
unter anderem die Regierungschefs aus der Ukraine, Brasilien, Mexiko, Süd-Korea,
Südafrika und den Vereinigten Arabischen Emiraten.
Das trifft die Sorgen der deutschen Industrie: Der Verband Deutscher Maschinen-
und Anlagenbau (VDMA) hat ein Papier vorgelegt, in dem ein kritischerer Umgang
mit der Volksrepublik gefordert wird. „China spielt unfair“, sagt VDMA-Präsident
Bertram Kawlath. Die Bundesregierung müsse sich für die Einhaltung fairen
Wettbewerbs einsetzen.
Apropos unfair: Trump drohte im Vorfeld des Gipfels mit der Erhöhung der
Autozölle und stichelte gegen Deutschland. „Ich bin sicher, dass Europa und
Deutschland begeistert sein werden“, sagte er am Donnerstag. „Es ist okay einen
Mercedes zu haben, aber sie werden ihn hier bauen müssen.“
Mixed Signals: Finanzminister Scott Bessent hingegen betonte, die 90-tägige
Frist für ein Handelsabkommen mit der EU könnte verlängert werden.
America first: Eröffnet wird der Gipfel mit einem Ausblick auf die
Weltwirtschaft. Trump darf zuerst reden, hört Romanus. Dann werde sich auch Merz
„schnell einbringen”.
VERBRENNER-VERBOT
RÜCKWÄRTSGANG: Die Union will Lockerungen für die Autoindustrie. „Als
CDU/CSU-Fraktion halten wir es für sinnvoll, die Flottengrenzwerte zeitlich zu
strecken“, sagte Verkehrspolitiker Christoph Ploß zu Laura.
Die Fraktion stütze den VDA-Vorschlag „um die angeschlagene Automobilindustrie
nicht noch zusätzlich zu belasten“, so Ploß. Der Autoverband hatte gefordert,
das Verbrenner-Aus ab 2035 zu kippen, wie wir exklusiv berichtet hatten.
Die Union will „die Bedingungen für Biokraftstoffe und E-Fuels fairer
gestalten“, so Ploß. Er fordert, „CO₂-Emissionen über den gesamten Lebenszyklus
eines Fahrzeugs zu bilanzieren“.
Das SPD-geführte Umweltministerium und die verkehrspolitische Sprecherin der
Sozialdemokraten, Isabel Cademartori, sehen das anders. Sie interpretiert den
Koalitionsvertrag als Bekenntnis zum Verbrennerverbot.
„Zu 100 Prozent muss das [Verbrennerverbot] weg“, fordert dagegen der
Arbeitgeberverband Gesamtmetall. „Wir müssen einsehen, dass viele Leute einfach
immer noch kein reines Elektrofahrzeug fahren wollen“, sagte Gesamtmetall-Chef
Stefan Wolf zu Romanus.
Wenn die Autoländer „Deutschland, Frankreich, Italien und vielleicht noch Polen
gegen das Verbrennerverbot 2035 einsetzen, kann dies Erfolg haben.“
„Wenn ich sage, ich bin technologieoffen, dann kann ich nicht einfach 2035 eine
Technologie beenden“, so der Chef des größten Arbeitgeberverbandes.
Kurzes Hoch: Bliebe das Verbrennerverbot 2035, dann „werden wir in der
Fahrzeugindustrie 2033 und 2034 eine riesige Sonderkonjunktur haben, weil sich
dann sehr viele Menschen noch einmal ein Auto mit Verbrennermotor kaufen“,
prophezeite Wolf.
Düstere Prognose: „2035 haben wir in der Autoindustrie dann einen extremen
Konjunktureinbruch. Das wäre für die Industrie, den Wohlstand und die
Arbeitsplätze verheerend.“
KONJUNKTUR
DIE INDUSTRIE LEBT AUF. Mehrere Institute und die OECD haben positive
Konjunkturprognosen für Deutschland vorgelegt. Konsens für 2025 ist jetzt ein
Mini-Wachstum von 0,3 Prozent, berichtet Romanus.
Im ersten Quartal überraschte die Wirtschaft mit starken 0,4 Prozent Wachstum.
In der Industrie waren es sogar 1,6 Prozent, stellt das RWI in Essen fest.
Auch die Wertschöpfung der Industrie ist erstmals seit 2023 wieder gestiegen.
Das verarbeitende Gewerbe profitiere von höheren Rüstungsausgaben.
Weitere Details gibt es hier.
VERTEIDIGUNGSINDUSTRIE
SICHERHEIT GEHT VOR: Am 9. Juli sollen sollen BMWE und BMVg dem Kabinett neue
Beschaffungsreformen vorlegen, wie unser Kollege Chris Lunday hört.
In diesem Zuge drängt die Industrie auf schnellere Verfahren. In einem Eckpapier
der Rüstungsverbände BDSV und BDLI, das POLITICO exklusiv vorliegt, werden
konkrete Maßnahmen genannt.
Der Vorstoß zielt auf ein eigenständiges Rüstungsbeschaffungsgesetz ab, das
jenseits des allgemeinen Vergaberechts schnelle und einfache Verfahren
ermöglicht.
Vorteile für Industriepartner: Ein stärkerer Einsatz von Vorhalteverträgen soll
die Lieferfähigkeit der Bundeswehr im Krisenfall absichern. Dabei handelt es
sich um Vereinbarungen mit Industriepartnern, die eine schnelle Produktion oder
Bereitstellung bestimmter Produkte bei Bedarf ermöglichen.
Das ganze Papier finden Sie hier.
INVESTITIONS-BOOSTER
NOCH KEIN OK: Michael Kretschmer, sächsischer Ministerpräsident, verlangt beim
Investitionspaket Nachverhandlungen. „Die Steuerausfälle von Ländern und
Kommunen müssen ausgeglichen werden”, fordert der CDU-Politiker im Gespräch mit
Jürgen Klöckner und Tom Schmidtgen.
Optimistisch: Zwei Drittel der Steuerausfälle durch die Sonder-Abschreibungen
würde nicht der Bund tragen, sagte Kretschmer. Über die konkreten Maßnahmen
werde noch verhandelt. „Ich bin sehr optimistisch, dass wir eine Einigung bis
zum 11. Juli erzielen und keinen Vermittlungsausschuss brauchen.“ Am 11. Juli
sollen die Länder zustimmen.
Heute verhandelt der Bundesrat erstmals über das Investitionspaket der
Bundesregierung. Kommenden Mittwoch treffen sich die Landesfürsten erneut zur
Ministerpräsidentenkonferenz – diesmal mit Merz. Sachsen hat den Vorsitz.
Beschluss ist keine Formsache: Die Länder haben Nachverhandlungen verlangt, weil
sie die Steuerausfälle nicht tragen wollen. Kommt es zu keiner Einigung,
verzögert sich Merz’ Wirtschaftswende.
ZÖLLE
WARSCHAUER WOCHENENDE: Bernd Lange, Vorsitzender des Handelsausschusses im
Europäischen Parlament, will beim Treffen zwischen Abgeordneten des
US-Kongresses und des Europäischen Parlaments am 14. und 15. Juni in Warschau
die Rechtmäßigkeit der US-Zölle besprechen.
Den Kongress bei der Ehre packen: „Natürlich geht es darum, die
ungerechtfertigten Zoll Maßnahmen von Herrn Präsident Trump zu diskutieren“,
sagte er unserem Kollegen Gregor Schwung. Vor allem vor dem Hintergrund, dass es
juristisch fraglich sei, ob nicht nur der Kongress statt des Präsidenten dazu
die Befugnis habe, so Lange.
Parlamentarier unter sich: Der Kongressabgeordnete Nathaniel Moran sagte unserem
Kollegen Julius Brinkmann in DC, er freue sich auf den „interparlamentarischen
Dialog, bei dem wir daran arbeiten werden, die Beziehungen zwischen der EU und
den USA zu stärken”.
PHARMAINDUSTRIE
DOPPEL-IMPFUNG: Der Impfstoffhersteller Biontech will seinen Konkurrenten
Curevac für rund 1,25 Milliarden Dollar (1,08 Milliarden Euro) kaufen, teilten
die Unternehmen am Donnerstag mit.
Die Bundesregierung freut sich über die Fusion, „wodurch ein neuer deutscher
Biotech-Champion mit beeindruckendem mRNA-Patentportfolio entstehen würde“,
sagte eine BMWE-Sprecherin zu Tom Schmidtgen.
Flashback in die Corona-Zeit: Das Ministerium ist über die Kreditanstalt für
Wiederaufbau aktuell mit 13 Prozent an Curevac beteiligt. 2020 ist der Bund mit
300 Millionen Euro eingestiegen und hielt damals 23 Prozent.
Die Regierung werde als Anteilseigner kein Veto einlegen. Eine finale
Entscheidung „hinsichtlich der Beteiligung der Kreditanstalt für Wiederaufbau am
Aktientausch”, sei aber noch nicht getroffen.
USA schauen noch drüber: Allerdings muss die Fusion von der US-Kartellbehörden
genehmigt werden. „Die Transaktion ist wettbewerbsfördernd“, sagte ein Sprecher
von CureVac unserer Kollegin Francesca Micheletti.
WAS WICHTIG WIRD
— INFLATION: Das Statistische Bundesamt gibt heute um 8 Uhr die Inflationsrate
für Mai und die Insolvenzzahlen für das erste Quartal bekannt.
— WIRTSCHAFTSWENDE: Das Investitionsprogramm der Bundesregierung wird heute im
Bundesrat besprochen. Die Länder fürchten 30 Milliarden Euro Steuerausfälle.
— PARKETT: Am Nachmittag trifft sich Finanzminister Lars Klingbeil mit dem Chef
der Deutschen Börse Stephan Leithner auf dem Frankfurter Börsenparkett. Thema
soll die Bedeutung des Finanzplatzes sein.
— KONJUNKTUR: Um 9 Uhr stellt das DIW seine Konjunkturprognose vor. Eine Stunde
früher gibt das Statistische Bundesamt die Großhandelspreise für Mai 2025
bekannt, ein beliebter konjunktureller Frühindikator.
WEITERE NEWS
— Spionage: China will hat europäische Hersteller nach sensiblen Daten befragt,
bevor sie Seltene Erden und Magnete importieren durften. Das chinesische
Handelsministerium habe Unternehmen nach Kundenlisten und Produktionsdetails
gefragt, berichtet die Financial Times. Nur wer „vertrauliche Informationen“
teile, erhalte Exportgenehmigungen, so Frank Eckard, Geschäftsführer des
deutschen Magnetherstellers Magnosphere.
— Russisches Gas: Die EU-Kommission will per Gesetze alle Gasimporte aus
Russland bis Ende 2027 verbieten. Einen entsprechenden Vorschlag soll bereits am
Dienstag eingebracht werden, wie das Handelsblatt berichtet. In diesem Zuge soll
vorbereitet werden, dass Flüssigerdgas (LNG) aus den USA importiert werden kann.
Der Vorschlag kann angenommen werden, auch wenn nicht alle EU-Staaten zustimmen.
Was Deutschlands neue Rolle im Welthandel bedeutet – verständlich, relevant, auf
den Punkt.
Von ROMANUS OTTE
Mit LAURA HÜLSEMANN und TOM SCHMIDTGEN
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––– Die Bauministerin erhält eine Abfuhr in der Koalition – und Lob auf dem Tag
der Immobilienwirtschaft heute.
––– Merz reist in die USA – und Berlin und Brüssel wollen Trump im Zollstreit
nach POLITICO-Infos mit einem brisanten Angebot an Autohersteller locken.
––– Von der Leyen kündigt im Interview Unterstützung für drastische
Russland-Sanktionen an – und schreckt die Industrie auf.
Willkommen bei Industrie und Handel – und zu unserer zweiten Ausgabe! Wir freuen
uns über Feedback.
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THEMA DES TAGES
SCHAFFE, SCHAFFE, HÄUSLE BAUE: Ministerin Verena Hubertz will Tempo beim Bauen,
die Industrie auch – doch das Umweltministerium steht auf der Bremse.
Denn: Das Ressort hat dem Entwurf für den Bau-Turbo noch nicht zugestimmt, wie
Tom Schmidtgen und Rasmus Buchsteiner übereinstimmend aus Regierungs- und
Fraktionskreisen erfahren haben.
Das Gesetz ist deswegen auch heute nicht im Kabinett – anders als etwa Lars
Klingbeils Investitionssofortprogramm.
Streitpunkt: Für mehr Wohnungen soll der Lärmschutz derart gelockert werden,
dass das dafür zuständige Umwelt-Ressort blockiert. Kommunen sollen laut
Gesetzentwurf leichter zwischen Wohnungsneubau und Lärmschutz abwägen können.
Der Bau-Turbo ermöglicht, „das Heranrücken von Wohnbebauung an lärmemittierende
Gewerbebetriebe zu erleichtern”, sagte SPD-Bauobmann Hendrik Bollmann zu Laura
Hülsemann.
Definiere Lärm: Die Koalition muss noch Details klären, etwa was „erhebliche
Umweltauswirkungen“ im Gesetz konkret bedeuten.
Grüne Kritik: „Erst haben Union und SPD einen Bau-Turbo angekündigt und jetzt
drücken sie selber auf die Bremse”, sagte der Baupolitiker Kassem Taher Saleh zu
Laura. Das Gesetz garantiere „keine bezahlbaren Mieten, aber belastet die
Umwelt”.
Hubertz wollte den Turbo längst im Kabinett haben. Damit würde den Kommunen eine
„Brechstange” in die Hand gegeben, um die Wohnungsnot zu lindern und die
Bauindustrie wiederzubeleben, hatte sie dem RND gesagt. Das Gesetz soll aber
weiterhin vor der Sommerpause eingebracht werden.
Vor dem Kabinett sollen auch Verbände und Länder noch gehört werden. Die
Koalition will danach den schnellen Weg gehen und das Gesetz als
Formulierungshilfe an die Fraktionen geben, sagt Bollmann.
Agenda: Heute spricht Hubertz beim Tag der Immobilienwirtschaft und stellt sich
den Fragen der darbenden Baubranche – ohne Segen aus dem Kabinett. Sie wird den
Ärger gut verstecken.
Vorschuss-Lorbeere: „Die neue Bundesregierung hat Tempo versprochen und sie
liefert Tempo” sagte Tim-Oliver Müller, Chef des Hauptverbandes der Deutschen
Bauindustrie zu Laura. Deswegen sei Hubertz’ Bau-Turbo „ein erstes, wichtiges
und starkes Signal für die Branche”.
ZÖLLE
LEX TESLA: Die EU will den USA bei den Zollverhandlungen nach POLITICO-Infos in
einem wichtigen Punkt entgegenkommen – mit abgespeckten Regeln für das autonome
Fahren.
Der Vorschlag wurde am Montag bei einer Krisen-Schalte (mehr hier) der Spitzen
der deutschen Autoindustrie, EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič und
Wirtschaftsministerin Reiche diskutiert, berichten mehrere mit den Verhandlungen
vertraute Personen gegenüber Jürgen Klöckner und Jordyan Dahl.
Grundlage ist ein Arbeitspapier, das am 19. Mai von der Kommission an die
EU-Staaten verschickt wurde. Die EU-Kommission lehnte eine Stellungnahme ab.
Déjà vu: Gleiche Autostandards waren schon bei den Verhandlungen über das
Freihandelsabkommen TTIP Thema. Die kamen 2013 zum Stillstand, auch weil die EU
die niedrigeren US-Standards nicht übernehmen wollte.
Kurswechsel: Die EU reguliert das autonome Fahren nach einer UN-Vorlage, die USA
nicht. Europa lässt autonom fahrende Autos aufwändig prüfen. In den USA müssen
Hersteller nur versprechen, die Standards zu erfüllen.
Das macht den Einsatz in Europa deutlich schwieriger – zum Ärger von Autobauern
wie Tesla. Der Hersteller bietet ein Autopilot-System an, das eigenständig
lenken, bremsen und beschleunigen kann – laut Tesla ein „fahrerunterstützendes
System“.
In der EU darf diese Technik nur auf baulich getrennten Straßen eingesetzt
werden, auf denen Fußgänger und Radfahrer verboten sind und eine
Höchstgeschwindigkeit von 130 Kilometern pro Stunde gilt.
We have a deal? Nicht ganz. Zölle auf Autos sind nur ein Puzzleteil für ein
Handelsabkommen. Sie sind für Trump ein Druckmittel, um Zugeständnisse in
anderen Bereichen zu erreichen. Trump will keine Einzelabkommen, sondern einen
big deal über verschiedene Branchen hinweg.
SANKTIONEN
EISERNE LADY LEYEN: Die Kommissionschefin hat angekündigt, die von den USA
erwogenen drastischen Strafzölle gegen Russland zu unterstützen – und damit die
deutsche Industrie aufgeschreckt.
Hintergrund: Von der Leyen hatte im POLITICO-Interview die Pläne des
republikanischen US-Senators Lindsey Graham für einen 500-Prozent-Zoll begrüßt.
Dieser zielt gegen Russlands Exporte und Putins verbliebene Handelspartner.
Die EU treibt ihr 18. Sanktionspaket voran. Wenn sich die USA zu Grahams
Sanktionen entschließen, würden diese im „Paket mit drin sein”, sagte von der
Leyen zu Gordon Repinski. Das Interview erscheint heute in voller Länge im
Berlin Playbook Podcast (hier). Mehr auch hier.
Ein 500-Prozent-Zoll der USA gegen Länder, die weiterhin Öl oder Gas-Produkte
aus Russland kaufen, würde aber auch die EU und somit Deutschland betreffen.
Zum einen liefert Russland immer noch Energie an EU-Länder. Sie könnten aber von
dem Mega-Zoll ausgenommen werden, deutete Graham an – etwa durch Ausnahmen für
alle Länder, die die Ukraine unterstützen.
Zum Zweiten könnte die EU selbst Zölle gegen Drittstaaten erwägen. Auf die
Frage, ob die EU dies versuchen würde, sagte von der Leyens Sprecherin Paula
Pinho: „Die Idee ist, so viel wie möglich zu koordinieren”. Aber: „Es muss nicht
identisch sein.“
Zum Dritten könnten deutsche Unternehmen durch indirekte Effekte betroffen sein,
wenn für Länder wie China und Indien noch höhere US-Zölle gelten würden.
Schockmoment: Wolfgang Weber, Chef des Industrieverbandes ZVEI, nannte einen
500-Prozent-Zoll einen „heftigen Schritt“. Denn: „Davon wäre auch die EU
betroffen, ebenso wie die deutsche Elektro- und Digitalindustrie, die global
vernetzt und grenzüberschreitend arbeitet.“
Mit Blick auf Merz’ US-Reise sagte von der Leyen, sie stimme sich eng ab: „Wir
telefonieren regelmäßig und ich werde auch noch mal gut mit ihm sprechen, bevor
er dann in die Vereinigten Staaten fährt”, sagt die CDU-Politikerin. Merz trifft
Trump am Donnerstag.
Einen Tag vor Merz’ Besuch setzte Trump auch formal die neuen 50-prozentigen
Zölle auf Stahl und Aluminium in Kraft.
SUBVENTIONEN
IM DSCHUNGEL: Das Wirtschaftsministerium will alle Förderprogramme für
Unternehmen überprüfen. Das kündigte die Parlamentarische Staatssekretärin Gitta
Connemann im Gespräch mit Romanus Otte an.
„Förderprogramme machen dann Sinn, wenn es sich um Anschubfinanzierungen
handelt, damit neue Märkte erschlossen oder disruptive Technologien möglich
gemacht werden”, sagte Connemann. „Aber inzwischen gibt es einen
Förder-Dschungel”.
„Dieser Subventionitis sagen wir den Kampf an“, sagte Connemann. Ein Ziel sei
es, mehr Geld für „strukturelle Erleichterungen zu haben”.
Weiteres Ziel: Der Check soll auch dazu beitragen, die Staatsausgaben zu senken.
Dafür steht ein brisanter Beschluss der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT)
der CDU, deren Vorsitzende Connemann ist.
BREMSE FÜR DEN STAAT: Die MIT fordert, die Staatsquote von aktuell 49,5 Prozent
dauerhaft unter 45 Prozent zu drücken. Der Beschluss liegt POLITICO vor.
Mehr noch: Dieses Ziel solle gesetzlich festgelegt werden, sagte Connemann.
„Erst durch eine gesetzliche Regelung wird die Obergrenze bindend.“ Die
Forderung erinnert an die Schuldengrenze im Grundgesetz. So weit geht die MIT
nicht.
Doch das Vorhaben wäre gewaltig: Fünf Prozentpunkte weniger Staatsquote
entsprechen rechnerisch gut 200 Milliarden Euro.
Gegenreaktion: Der MIT-Beschuss steht damit im Widerspruch zu den rund eine
Billion Euro schweren Ausgabeplänen der Koalition für Verteidigung und
Infrastruktur. In der Folge dürfte die Staatsquote schon dieses Jahr sogar über
50 Prozent steigen.
Mehr dazu hier.
ARBEITSZEITEN
ARBEITS-K(R)AMPF: Heute debattiert der Arbeitsausschuss auf Antrag der Grünen
das erste Mal über die Wochenhöchstarbeitszeit, berichtet Tom Schmidtgen.
Hintergrund: Die Koalition plant den Abschied vom klassischen Acht-Stunden-Tag,
hin zu einer Höchstgrenze pro Woche. Das würde Arbeit – vor allem in der
Industrie – flexibler machen, birgt aber auch gesundheitliche Risiken, fürchten
die Grünen.
Forderung im Ausschuss: „Das BMAS wird gebeten, zur Entwicklung des
Gesamtarbeitvolumens in Deutschland sowie den bezahlten und unbezahlten
Überstunden Stellung zu nehmen”, heißt es aus Grünen-Kreisen.
Start verzögert: Im Koalitionsausschuss vor einer Woche hat Schwarz-Rot den
„Start des Sozialpartnerdialogs zur Flexibilisierung von Arbeitszeiten“
angekündigt. Doch das Arbeitsministerium hatte das Vorhaben bis zum Wochenstart
noch nicht auf der Agenda.
„Einen Zeitplan kennen wir noch nicht“, teilte der Arbeitgeberverband
Gesamtmetall mit – einer der Sozialpartner. Auch Einladungen zum Dialog sind
noch nicht verschickt. „Wir warten noch“, hieß es vom DGB.
Kritik von Union: CDU-Arbeitsmarktpolitiker Markus Reichel forderte eine
„schnelle Entscheidung durch die Regierung“, die Klarheit schaffe.
WEITERE NEWS
– MINI-WACHSTUM: Die OECD traut der deutschen Wirtschaft in diesem Jahr
unverändert nur 0,4 Prozent Wachstum zu. Von über 50 Industrieländern schneiden
nur Norwegen und Österreich schlechter ab. Die Handelskonflikte und weitere
Unsicherheit dämpften die Konjunktur aber weltweit, sagte OECD-Chefökonom Álvaro
Pereira in Paris.
– INVESTITIONSBREMSE TRUMP: Deutsche Unternehmen investieren laut Zahlen des
Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) kaum noch in den USA. Im Februar und
März waren es gerade 265 Millionen Euro. Zwischen 2010 und 2024 waren es im
gleichen Zeitraum im Mittel 4,6 Milliarden Euro – 18-mal so viel wie seit dem
Amtsantritt Trumps.
– COVESTRO-ÜBERNAHME GEBREMST: Der geplante Kauf des Chemiekonzerns durch die
Abu Dhabi National Oil Company liegt auf Eis. Die EU hat eine Frist für die
Prüfung auf unbestimmte Zeit vertagt, berichtet meine Kollegin Francesca
Micheletti. Die Unternehmen haben es offenbar versäumt, Fragen rechtzeitig zu
beantworten.
HEUTE WICHTIG
– Wirtschaftsministerkonferenz: Heute und morgen treffen sich in Stuttgart die
Wirtschaftsminister der Bundesländer. Die Tagesordnung ist mit 22 Punkten
pickepackevoll.
– Kabinett: Um 10 Uhr beschließt das Kabinett das Steuerentlastungsgesetz mit
den neuen Abschreibungen.Um 11.30 Uhr gibt Lars Klingbeil dazu ein
Pressestatement.
– Außenhandel: Um 13 Uhr nimmt Landwirtschaftsminister Alois Rainer an der
Sitzung des Wirtschaftsausschusses für Außenhandelsfragen teil.
– Bau-Turbo: Bauministerin Verena Hubertz spricht um 13.30 Uhr beim Tag der
Immobilienwirtschaft in Berlin.
– G7-Treffen: Am Vormittag treffen sich die G7-Handelsminister mit
EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič in Paris. Wirtschaftsministerin Katherina
Reiche trifft zum ersten Mal auf ihre G7-Kollegen. Thema auch hier: Zölle.
– BDEW-Kongress: Zurück aus Paris spricht Reiche um 13:45 Uhr beim Kongress des
Energieverbandes BDEW. Thema: „Verlässliche Energiepolitik für eine starke
Wirtschaft”. Direkt im Anschluss um 14:15 Uhr redet dort Umweltminister Carsten
Schneider.
– Antrittsbesuch bei Trump: Friedrich Merz bricht um 22 Uhr zu seinem ersten
Treffen mit dem US-Präsidenten nach Washington auf. Das Gespräch ist ab
Donnerstagmittag geplant.
Das war Industrie und Handel — das Wirtschaftsbriefing von POLITICO. Vielen
Dank, dass Sie uns lesen und abonnieren. Bis zur nächsten Ausgabe!
Was Deutschlands neue Rolle im Welthandel bedeutet – verständlich, relevant, auf
den Punkt.
Von ROMANUS OTTE
Mit LAURA HÜLSEMANN, JÜRGEN KLÖCKNER und TOM SCHMIDTGEN
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— Vor Merz’ Reise in die USA drängen Spitzen der Autoindustrie in Schalte mit
Reiche und Šefčovič auf Zoll-Frieden.
— Die Koalition will offenbar daran festhalten, die Turbo-Abschreibungen erst ab
Juli — und damit später als geplant — gelten zu lassen.
— Neue, scharfe Russland-Sanktionen werden konkreter — unter anderem zu Nord
Stream 2.
Willkommen bei Industrie und Handel — und zu unserer Premiere!
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THEMA DES TAGES
KRISEN-CALL: Vor Merz’ Reise nach Washington haben die Spitzen der deutschen
Autobranche ihre Anliegen im Zollkonflikt an höchster Stelle adressiert.
Am Montagabend tauschten sich Vertreter von Herstellern und Zulieferern in einer
rund einstündigen Schalte mit Wirtschaftsministerin Katherina Reiche und
EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič aus, erfuhr Jürgen Klöckner aus
Regierungskreisen.
Denn: Bislang ist nicht geplant, dass Wirtschaftsbosse mit Merz diese Woche nach
DC fliegen, was in der Industrie für Unmut sorgt.
Botschaft an Merz: „Alle Kräfte müssen verwendet werden, um eine politische
Einigung zu finden“, sagte VDA-Chefin Hildegard Müller zu Laura Hülsemann. Ein
„umfassendes Freihandelsabkommen“ sei das Ziel.
Hintergrund: Die USA sind für deutsche Autohersteller der wichtigste
Exportmarkt. 2024 lieferten VW, BMW, Mercedes und andere knapp 450.000 Autos in
die USA. Das waren 13 Prozent aller Exporte.
Eine Zoll-Spirale würde sie doppelt treffen: durch die Zölle der USA auf
Auto-Importe aus der EU und durch die Gegenzölle anderer Länder auf Auto-Importe
aus den USA.
Favorisiertes Modell: die Exportverrechnung. Wie das Handelsblatt berichtete,
hatten die CEOs von BMW und Mercedes sowie der Nordamerika-Chef von VW die Idee
der US-Regierung Ende April vorgestellt. Dabei würden die Importe der deutschen
Hersteller in die USA mit ihren Exporten aus ihren US-Fabriken verrechnet.
Mehr dazu hier.
BONJOUR, KATHERINA: Die Branche erwartet, dass Reiche heute auch auf ihrer
Paris-Reise für ihre Interessen trommelt. Dort beginnt der zweitägige
OECD-Ministerrat, am Mittwoch kommen in der Stadt die G7-Handelsminister mit
Šefčovič zusammen.
Reiche will unter anderem mit dem US-Handelsbeauftragten Jamieson Greer
sprechen, wie es aus Ministeriumskreisen heißt. Die OECD sind eines der letzten
multilateralen Foren, an denen Europäer und Asiaten mit den USA an einem Tisch
sitzen.
Trump will am 9. Juli Zölle von bis zu 50 Prozent auf alle EU-Waren einführen.
Um dies abzuwenden, reiste gestern ein Verhandlungsteam aus Brüssel nach
Washington. Beide Seiten wollen „das Tempo der Gespräche beschleunigen“, sagte
ein Kommissions-Sprecher.
Brüssel arbeitet aber auch an einer Reihe von Gegenmaßnahmen. Falls es nicht zur
Einigung kommt, würden diese ab dem 14. Juli greifen.
USA drängeln: Wie Reuters in der Nacht zu Dienstag aus einem Briefentwurf
berichtet, will DC von den Ländern verlangen, dass sie bis Mittwoch ihr bestes
Angebot für die Handelsverhandlungen vorlegen. Gleichzeitig sollen die Gespräche
innerhalb einer Frist von nur fünf Wochen abgeschlossen werden.
ABSCHREIBUNGEN
IN VERZUG: Die Koalition will offenbar daran festhalten, die für Unternehmen
geplanten degressiven Abschreibungen von 30 Prozent erst ab Juli gelten zu
lassen, wie Tom Schmidtgen aus der Spitze der Unionsfraktion hört.
Der Investitions-Booster ist Kernelement in dem am Wochenende bekannt gewordenen
Referentenentwurf für ein Entlastungsgesetz von Finanzminister Lars Klingbeil.
Am Mittwoch soll es ins Kabinett kommen.
Im Koalitionsvertrag hieß es noch, dass die Abschreibungen rückwirkend für das
gesamte Jahr gelten sollen, was von Unternehmens- und Wirtschaftsverbänden
begrüßt wurde. Kanzler Merz wiederholte das Ziel vor wenigen Tagen in der ARD.
Lob von den Grünen: Was Merz versprochen hatte, „wäre Unsinn gewesen, denn
Investitionsanreize funktionieren natürlich nur in die Zukunft und nicht
rückwirkend“, sagte die finanzpolitische Sprecherin Katharina Beck.
Der spätere Beginn sei „einer der eher guten Aspekte der Vorlage“. Beck fordert
statt der Abschreibungen aber eine staatliche Investitionsprämie.
Der BDI ist zufrieden, dass jetzt schnell etwas kommt und stört sich nicht an
dem halben Jahr. „Dass die verbesserten Abschreibungsmöglichkeiten für
Investitionen noch vor der Sommerpause beschlossen werden sollen, ist positiv“,
sagte Verbandschefin Tanja Gönner zu Romanus Otte.
SANKTIONEN
NEUER DRUCK AUF RUSSLAND: Merz traf am Montag US-Senator Lindsey Graham, um über
das nächste Sanktionspaket gegen Russland zu sprechen.
Es soll schnell gehen: Die Botschafter der EU-Länder könnten die Maßnahmen — es
wäre das 18. Sanktionspaket — bereits am Mittwoch in Brüssel besprechen, wie
mein Kollege Hans von der Burchard in Brüssel hört.
Nach dem Treffen mit Merz zeigt sich Graham entschlossen. In den Tagesthemen
sagte er: „Es ist jetzt an der Zeit, Putin zu bestrafen.“ Das neue Paket werde
erdrückend sein. „Und ich erwarte, dass Präsident Trump nun zu einer anderen
Taktik übergeht, da klar ist, dass Putin keinen Frieden will.“
Grahams’ Plan: Er will kommende Woche im US-Senat einen eigenen Gesetzentwurf
für scharfe Russland-Sanktionen einbringen. Es geht um bis zu 500 Prozent
US-Zölle für Drittstaaten, die russische Exporte wie Öl oder Gas kaufen.
Die Preisgrenze der G7 für russisches Öl will Graham von 60 auf 45 US-Dollar pro
Barrel senken. Daran wären alle westlichen Firmen und Reedereien gebunden. Im
Auswärtigen Amt hält man eine Absenkung des Ölpreisdeckels für „denkbar“, wie
meine Kollegin Nette Nöstlinger hört.
Merz fordert außerdem das Nord-Stream-Aus. Er werde dies auch bei seinem Besuch
bei Trump vertreten, sagte ein Regierungssprecher.
In manchen deutschen Chefetagen ist eine spätere Rückkehr zu günstigem
russischen Gas und eine Reparatur der zerstörten Pipeline immer noch Thema.
Sollte die Nord Stream AG sanktioniert werden, wäre diese Hoffnung zunächst
dahin.
Mit Blick auf den Bankensektor steht im Raum, mehr als 20 Banken vom
internationalen Zahlungsverkehrssystem (SWIFT) auszuschließen. Das SWIFT-System
legt die Standards für Transaktionen zwischen Banken fest. Eine Trennung von
SWIFT bedeutet, dass man vom globalen Zahlungssystem abgeschnitten wird.
Brisant: Trump selbst blickt skeptisch auf die harten Sanktionen. Graham hat
bereits 82 Unterstützer für sein Paket im Senat, womit er theoretisch ein
Trump-Veto gegen die Sanktionen überstimmen könnte.
Trump spricht mit Xi: Ein Telefonat sei möglich, sagte Trumps Sprecherin
Karoline Leavitt. Beide Ländern überziehen sich mit Zöllen, und China ist einer
der größten Ölkunden Russlands.
GASKRAFTWERKE
STERN DES SÜDENS: Zwei Drittel der geplanten deutschen Reserve-Gaskraftwerke
sollen im Süden der Republik gebaut werden. Das kündigte Wirtschaftsministerin
Katherina Reiche bei einer Klausurtagung der bayerischen Landesregierung in
Gmund am Tegernsee an.
Neue Gaskraftwerke mit einer Leistung von bis zu 20 Gigawatt will die Koalition
ausschreiben. „Wir planen einen Süd-Bonus, damit zwei Drittel der insgesamt
ausgeschriebenen Kapazitäten im netztechnischen Süden gebaut werden“, sagte
Reiche vor Journalisten nach dem Treffen.
Damit dürften 13,33 Gigawatt in Bayern und Baden-Württemberg entstehen.
Hintergrund ist der Netzengpass zwischen Nord und Süd: Im Norden wird durch Wind
mehr Strom produziert als benötigt, im Süden mit energieintensiven Industrien
mehr verbraucht. Mehr hier.
RÜSTUNGSINDUSTRIE
DEUTSCHLAND FIRST: Das Verteidigungsministerium nutzt vermehrt Ausnahmeregeln
der EU, um Rüstungsaufträge ohne europaweite Ausschreibung an deutsche
Unternehmen zu vergeben. Das geht aus einem Regierungsbericht hervor, den mein
Kollege Chris Lunday einsehen konnte.
Der Mechanismus: Minister Boris Pistorius nutzt Artikel 346 AEUV — eine
EU-Ausnahme, die es Mitgliedstaaten erlaubt, die gemeinsamen Beschaffungsregeln
aus Gründen der nationalen Sicherheit zu umgehen.
Deutsche Aufträge fast verdoppelt: Die Zahl der Aufträge, die mit dieser
Ausnahme vergeben wurden, stieg von 31 im Jahr 2022 auf 60 im Jahr 2023 — bis
September 2024 waren es bereits 54. Mehr dazu hier.
SOZIALABGABEN
WENIGER NETTO: Acht gesetzliche Krankenkassen (GKV) haben im Laufe des Jahres
ihre Zusatzbeiträge angehoben, zum 1. Juli sollen weitere sechs folgen,
berichtet Rasmus Buchsteiner unter Berufung auf Zahlen des GKV-Spitzenverbands.
Doom-Szenario: Susanne Wagenmann, GKV-Verwaltungsratschefin, pocht auf
Soforthilfen. „Weiter steigende Beiträge wären Gift für die Wirtschaft“, sagte
sie Journalisten. Die wahrscheinlichste Variante ist wohl, dass der Bund bald
mit einem Milliarden-Darlehen einspringt.
Sparen? Kürzen? Streichen? Mit konkreten Ideen hält sich die GKV-Spitze zurück.
Genauso wie Gesundheitsministerin Nina Warken. Mehr dazu hier.
WEITERE NEWS
— WENIGER IST MEHR: Eigentlich müssen Unternehmensgründer monatlich ihre
Umsatzsteuer-Voranmeldung beim Finanzamt abgeben. Diese Pflicht wurde
vorübergehend ausgesetzt, um den Effekt zu evaluieren. Ein Dokument, das Jürgen
Klöckner vorliegt, zeigt, dass Gründer von den vereinfachten Vorgaben profitiert
haben.
— EU GEGEN TEMU UND SHEIN: Europaabgeordnete stützen die Pläne der
EU-Kommission, die Flut chinesischer Billigwaren einzudämmen. Das geht aus einem
Entwurf des Parlaments hervor, der meinem Kollegen Mathieu Pollet vorliegt. Die
Kommission will eine Gebühr von zwei Euro für Pakete unter der Zollschwelle von
150 Euro erheben. Langfristig soll die Zollbefreiung abgeschafft werden. Der
Beschluss, der auf Händler wie Shein und Temu zielt, ist für Ende Juni geplant.
Mehr dazu hier.
— WENIGER GESCHÄFT MIT ROBOTIK: 2025 erwartet die Branche einen Rückgang des
Umsatzes um zehn Prozent auf 14,5 Milliarden Euro, teilte der Verband VDMA
Robotik + Automation mit. Grund seien verschobene Investitionen wegen Trumps
Zollpolitik und Konkurrenz aus Asien. „Die Wachstumsaussichten sind bis zum Ende
des Jahres in allen Teilbranchen eingetrübt“, sagte der Vorsitzende Dietmar Ley.
HEUTE WICHTIG
— OECD-Wirtschaftsausblick: Um 9 Uhr stellt die Industrieländerorganisation ihre
Konjunkturprognose vor. Deutschland schnitt zuletzt so schlecht ab, wie kein
anderes OECD-Mitglied.
— Außenwirtschaftstag Agrar- und Ernährungswirtschaft: Außenminister Johann
Wadephul eröffnet um 9:30 Uhr die Veranstaltung. Um 10 Uhr spricht Agrarminister
Alois Rainer.
—„Battery Show Europe“: Von heute bis Donnerstag findet Europas größte Fachmesse
für fortschrittliche Batterietechnologie in Stuttgart statt.
— Ministerin Reiche ist auf Antrittsbesuch in Paris — mehr dazu im Thema des
Tages.
Das war Industrie und Handel — das Wirtschaftsbriefing von POLITICO. Vielen
Dank, dass Sie uns lesen und abonnieren. Bis zur nächsten Ausgabe!