Was Deutschlands neue Rolle im Welthandel bedeutet – verständlich, relevant, auf
den Punkt.
Von TOM SCHMIDTGEN
Mit LAURA HÜLSEMANN und ROMANUS OTTE
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TOP-THEMEN
— Drei Szenarien, wie die Mindestlohnkommission entscheiden kann — und nur eine
sorgt für Frieden in der Koalition.
— Die SPD will für einen Förderbescheid ein Aufsichtsratsmandat, um bei
kriselnden Stahlkonzernen mitzureden.
— Merz zeigt sich nach dem EU-Gipfel skeptisch mit Blick auf die US-Zölle — und
optimistisch bezüglich Mercosur.
Guten Morgen vom Team Industrie und Handel — die Entscheidung der
Mindestlohnkommission wird die Stimmung auf dem SPD-Parteitag prägen. Romanus
Otte wird vor Ort sein. Sprechen Sie ihn gern an.
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THEMA DES TAGES
SHOWDOWN UM 15 EURO: Heute soll die Mindestlohnkommission ihre heikle Empfehlung
vorlegen. Die Bundespressekonferenz zog den Termin mit Steffen Kampeter
(Arbeitgeber), Stefan Körzell (DGB) und Kommissions-Chefin Christiane Schönefeld
auf 10 Uhr vor.
Pikantes Timing: Am Mittag beginnt der SPD-Parteitag — mit einer Rede von
DGB-Chefin Yasmin Fahimi.
Die SPD will eine Erhöhung auf 15 Euro ab kommendem Jahr. „Für die SPD ist das
eines der wichtigsten Themen“, sagte Sarah Philipp, Co-Chefin der NRW-SPD meinen
Kollegen Laura Hülsemann und Jürgen Klöckner. Welche Möglichkeiten liegen auf
dem Tisch?
Szenario 1: Die Kommission empfiehlt die Anhebung auf 15 Euro. Dann wäre
Frieden. Doch das gilt als wenig wahrscheinlich. Die Arbeitgeber halten die
Erhöhung um 17 Prozent für nicht verkraftbar.
Brandbrief Ost: Gestern warnten ostdeutsche Wirtschaftsverbände in einer
gemeinsamen Stellungnahme vor den Folgen (hier). „Es darf keine weitere Erhöhung
des gesetzlichen Mindestlohns geben, solange dieser der wirtschaftlichen
Entwicklung des Landes vorauseilt“, heißt es darin.
Szenario 2: Die Kommission spielt auf Zeit. Vor allem den Arbeitgebern wäre es
recht, das Ergebnis erst nach dem SPD-Parteitag zu verkünden, hört Romanus Otte.
Die Leerstelle würde beim Parteitag für Diskussionen sorgen — aber nicht für
Krach auf offener Parteitagsbühne.
Szenario 3: Die Kommission bleibt mit ihrer Empfehlung unter 15 Euro. Zuletzt
wurde mehrfach eine Zahl von 14,60 Euro kolportiert.
Dann hat Lars Klingbeil ein Problem. Er will als SPD-Chef wiedergewählt werden.
Das könnte dann daran geknüpft werden, ihn per Parteitagsbeschluss darauf zu
verpflichten.
Notfalls per Gesetz: „Ich halte es für absolut wichtig, hier einen Pflock
einzuschlagen und den Mindestlohn auf 15 Euro anzuheben, notfalls per Gesetz“,
sagte Philipp. Sie bringt auf dem Parteitag das Gewicht des größten
SPD-Landesverbandes ein.
Spielraum: „Wenn er knapp drunter ist, würden wir kein Gesetzgebungsverfahren da
anschließen“, sagte der kommissarische SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf
meinem Kollegen Gordon Repinski im Playbook-Podcast.
Und immerhin: „Für mich wäre es ein Wert an sich, wenn Arbeitgeber- und
Arbeitnehmerseite zu einem gemeinsamen Ergebnis kommen“, so Klüssendorf.
Aber da geht noch mehr: „Beim Parteitag können wir auch SPD-Themen beschließen,
die über den Koalitionsvertrag hinausgehen“, beharrt Philipp.
Zeichen setzen: „Die SPD kann nicht wieder erfolgreicher werden, wenn wir nur
die To-do-Liste des Koalitionsvertrages abarbeiten“, meint sie. „Da spielen gute
Löhne eine wichtige Rolle.“
Union in Habacht: „Wir sollten den Mindestlohn nicht zum Spielball
parteipolitischer Debatten im Bundestag machen“, warnt Unions-Fraktionsvize Sepp
Müller gegenüber Tom Schmidtgen.
Respekt: Er werde die Entscheidung der Kommission in jedem Fall akzeptieren —
„ganz gleich, wie sie im Einzelnen ausfällt“.
Öffnungsklausel? Für zusätzliche Unruhe sorgt die Forderung des Bauernverbandes,
den Mindestlohn für Erntehelfer um 20 Prozent zu senken. Auch weil Agrarminister
Alois Rainer (CSU) das wohlwollend prüfen will.
Schweizer Käse: „Wenn man beim Mindestlohn Ausnahmen schafft, dann wird das
Instrument langfristig überflüssig“, warnt Philipp.
STRATEGISCHE STAATSBETEILIGUNGEN
STAATLICHER STAHL: Die SPD liebäugelt mit Staatsbeteiligungen an Stahlkonzernen.
„Wir müssen bei großer staatlicher Förderung auch über einen vorübergehenden
Einstieg des Staates oder eine strategische Beteiligung an Stahlunternehmen
reden“, sagte Sarah Philipp, Co-Chefin der NRW-SPD, zu Laura und Jürgen.
Förderung gegen Mitsprache: „NRW unterstützt die Transformation bei Thyssenkrupp
mit 700 Millionen Euro, der historisch höchsten Einzelförderung des Landes“, so
Philipp.
Kritik an schwarz-grüner Landesregierung: „Wenn ich mit Fördermitteln
unterstütze, warum bekomme ich eigentlich keinen Sitz im Aufsichtsrat? Warum
fordere ich das eigentlich nicht ein?“
„Wenn für Thyssenkrupp zwei Milliarden Euro Fördermittel fließen, kann es nicht
sein, dass ein paar Wochen später 11.000 Arbeitsplätze in Duisburg auf dem Spiel
stehen“, kritisierte Philipp. Bei Förderbescheiden müsse die
Arbeitsplatzsicherung, Standortgarantie, Mitbestimmung und Sozialpartnerschaft
garantiert sein.
Die Stahlkrise wird auch Thema beim SPD-Parteitag am Wochenende in Berlin. „Wir
brauchen jetzt unbedingt einen Stahlgipfel“, so Philipp. „Das werden wir beim
Parteitag auch einfordern.“
„Grüner Stahl ist zukunftsfähig“, beteuerte Philipp. „Aber dafür brauchen wir
auch die Pipeline-Infrastruktur, um den Wasserstoff nach Duisburg zu bringen.
Nach ArcelorMittal sei „natürlich die Angst da, dass dies auch bei ThyssenKrupp
passieren könnte.“
ZÖLLE I
DEEP TALK: Beim gestrigen EU-Gipfel zeigte sich Bundeskanzler Friedrich Merz
begeistert über die Detailtiefe der Gespräche, wie Hans von der Burchard in
Brüssel hört. Doch bei seinem wichtigsten Anliegen — einem schnellen, wenn auch
weniger umfangreichen Handelsabkommen mit den USA — gibt es kaum Fortschritt.
Realitätscheck: Im EU-Ratsgebäude musste sich der Kanzler von Kommissionschefin
Ursula von der Leyen anhören, dass sich die Trump-Administration ausgerechnet
bei seinem größten Anliegen — den sektoriellen Zöllen auf Produkte wie Autos,
Maschinenbau oder Pharma — am wenigsten bewegen will.
Merz wiederum warnte, genau diese Branchen seien „mit so hohen Zöllen belastet,
dass das die Unternehmen wirklich gefährdet“ — deswegen müsse eine Lösung
gefunden werden, ASAP: „Lieber jetzt schnell und einfach als langsam und
hochkompliziert.“
Pünktlich zum Gipfel legte Washington neue Forderungen vor — darunter
Zugeständnisse im landwirtschaftlichen Bereich, die für die EU schwer zu
akzeptieren sein dürften. „Wir bereiten uns auf die Möglichkeit vor, dass keine
zufriedenstellende Einigung in Reichweite ist,“ warnte von der Leyen. Emmanuel
Macron sagte wiederum, dass er mit einem 10-Prozent US-Zoll leben könne.
Problematisch ist aus Sicht der EU auch die Argumentation Trumps, die Zölle mit
der nationalen Sicherheit zu begründen. In Stellungnahmen an das
US-Handelsministerium hat Brüssel wiederholt Bedenken dazu geäußert und auf
Vergeltungsmaßnahmen im Falle neuer Zölle hingewiesen, wie unser US-Kollege Doug
Palmer nach Einsicht der Unterlagen berichtet.
Von der Leyens Gegenmaßnahme: Neue Verbündete suchen — etwa durch eine engere
Partnerschaft mit dem indo-pazifischen CPTPP-Handelsverbund, aber auch durch die
Schaffung einer Alternative zur paralysierten Welthandelsorganisation.
Merz unterstützt das: „Wenn die WTO so funktionsunfähig ist, wie sie es schon
seit Jahren ist und offenbar auch bleibt, dann müssen wir, die den freien Handel
unverändert für wichtig halten, uns etwas anderes einfallen lassen“, so der
Kanzler.
Die jüngsten Zahlen zum US-Handelsdefizit dürften Trumps Zoll-Furor nicht
bremsen. Es stieg im Mai nämlich um 11 Prozent auf 96,6 Milliarden Dollar, da
die Exporte auf den niedrigsten Stand seit Januar sanken, wie aus dem jüngsten
Advanced Economic Indicator Report des US-Handelsministeriums vom Donnerstag
hervorgeht.
KRISENMEETING: Ursula von der Leyen empfängt am kommenden Mittwoch — wenige Tage
vor der Deadline im Zollstreit zwischen den USA und der EU — zwölf deutsche
Top-CEOs zum Lunch in Brüssel. Das wurde unserem Kollegen Rasmus Buchsteiner
bestätigt.
Ungewöhnlich: Normalerweise empfängt von der Leyen im Berlaymont außerhalb von
Dialog-Formaten der Kommission keine Firmenchefs. Türöffner war in diesem Fall
Nordrhein-Westfalens Regierungschef Hendrik Wüst (CDU), der bei dem Treffen in
Brüssel dabei sein wird.
Die Agenda: Bei dem Treffen dürfte es, wie zu hören ist, um die
Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft gehen, um Industriepolitik und um die
Zollfrage.
Die Gästeliste: Leonard Birnbaum (E.ON), Carsten Knobel (Henkel), Christian
Kullmann (Evonik), Michael Lewis (Uniper), Miguel Lopez (Thyssenkrupp), Tobias
Meyer (DHL), Armin Papperger (Rheinmetall), Juan Santamaria Cases (Hochtief),
Lionel Souque (REWE), Carsten Spohr, (Lufthansa), Markus Steilemann (Covestro),
Mathias Zachert (Lanxess), Arndt Kirchhoff (Unternehmer.NRW).
KANZLER-OPTIMISMUS ZU MERCOSUR: Schon Anfang nächster Woche soll der
Südamerika-Deal den EU-Staaten zur Ratifizierung vorgelegt werden, sagte Merz am
gestrigen späten Abend.
Gleich zweimal sprach der Kanzler sprach dazu mit Emmanuel Macron, dem größten
Skeptiker. „Mein Eindruck war, … dass da eine große Bereitschaft besteht, das
jetzt auf den Weg zu bringen,“ so Merz.
ZÖLLE II
LONDON CALLING: Großbritannien denkt darüber nach, dem europäischen Zollabkommen
beizutreten. Die Regierung will Unternehmen zum Nutzen befragen. Damit ließen
sich Vorschriften für internationale Lieferketten vereinfachen. Das berichtet
mein Kollege Jon Stone.
Konkret geht es um das Pan-Europa-Mittelmeer-Zollabkommen (PEM), dessen
revidierte Fassung am 1. Januar dieses Jahres in Kraft trat.
In der gestern veröffentlichten Handelsstrategie der britischen Regierung heißt
es, der Beitritt zum PEM würde „die Flexibilität für britische Exporteure
erhöhen, wo sie ihre Vorleistungen beziehen“.
Während die europäischen Staats- und Regierungschefs beim Abendessen darüber
stritten, wie man am besten ein Handelsabkommen mit Trump abschließen könne,
äußerte sich der britische Handelsminister zuversichtlich, das
amerikanisch-britische Abkommen verbessern zu können.
„Ich habe keinen Zweifel daran, dass wir bei den Gegenzöllen Fortschritte
erzielen können“, antwortete Jonathan Reynolds auf eine Frage meines Kollegen
Graham Lanktree in London.
INFRASTRUKTUR
SERVUS SCHNIEDER: Die Verkehrsminister treffen sich heute zu einer Sondersitzung
in der Bayerischen Vertretung in Berlin, denn die Länder wollen wissen, wer die
Kosten der Infrastruktursanierung zahlt.
„Es gibt einen enormen Nachholbedarf bei der Sanierung der Infrastruktur“, sagte
der bayerische Verkehrsminister Christian Bernreiter, der auch den Vorsitz der
Konferenz innehat, zu Laura.
Ein Großteil der 4.000 maroden Brücken in Deutschland will
Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder bis 2032 sanieren. Im Sondervermögen
Infrastruktur sind dafür in diesem Jahr 2,5 Milliarden Euro vorhergesehen, erst
danach mehr.
6.000 Brücken bräuchten einen Ersatzbau, so einer Studie des Verbands T&E. Die
Kosten belaufen sich auf 100 Milliarden Euro.
Zwar begrüßt Bernreiter das Sondervermögen Infrastruktur, aber dies erlaube
„nicht jede Brücke gleichzeitig oder das gesamte Bahnnetz auf einmal [zu]
sanieren“. Stattdessen müsse man den Fokus auf die Renovierung und Sanierung der
Bahnstrecken setzen — nicht auf den Neubau.
BAUBESCHLEUNIGUNG
FALSCHES GESETZ IM KABINETT: Der Windbau-Turbo, der vergangene Woche durchs
Kabinett ging, war eine veraltete Version. Das erfuhren Jasper Bennink und Tom
aus dem Bundestag.
Im Vorfeld gingen zwischen dem Umwelt- und Wirtschaftsministerium und der
Koalition mehrere Versionen des Entwurfs hin und her. Die Koalitionäre wollten
Paragraf 16b im Bundes-Immissionsschutzgesetz anders formuliert sehen, als er
jetzt vom Kabinett verabschiedet wurde.
Im Paragrafen geht es darum, dass nur die Bundeswehr und Luftverkehrsbehörden
Einspruch gegen Änderungen bei bereits genehmigten Windrädern erheben dürfen.
Die Koalition will, dass nach einer bestimmten Frist die Genehmigungsfiktion
gilt. Dieser Satz fehlt im Gesetz.
Kein Problem, heißt es aus der Koalition. Dies werde man mit Änderungsanträgen
im parlamentarischen Verfahren wieder zurechtbiegen.
GREEN CLAIMS
SAG EINFACH NEIN: Der VDA kritisiert die geplante Green-Claims-Richtlinie als
„Über- und Mehrfachregulierung“. Die Richtlinie belaste vor allem kleine
Unternehmen, „ohne dass es einen erkennbaren praktischen Nutzen für die
Kaufentscheidung der Verbraucher gäbe.“ Das berichtet Romanus.
Die Bundesregierung solle sich für die komplette Streichung einsetzen. „Es gibt
in der EU bereits einen bestehenden Rechtsrahmen, um irreführende Werbung
effektiv zu verhindern“, teilt der Verband mit.
KONJUNKTUR
HOFFNUNG: Die Deutsche Bank hat ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum in
Deutschland in diesem Jahr auf 0,5 Prozent angehoben. Das geht aus einer neuen
Analyse von Deutsche Bank Research hervor (hier).
Das ist die optimistischste Prognose unter den maßgeblichen Ökonomen, deren
Konsensus bei rund 0,3 Prozent Wachstum liegt.
Momentum: Der Impuls der Ausgabenprogramme des Staates kann demnach stärker
ausfallen als bisher angenommen. 2026 könne das Wachstum auf 2,0 Prozent
anziehen.
HEUTE WICHTIG
— WOHNEN: Um 9:40 Uhr spricht Bundesbauministerin Verena Hubertz auf dem
Deutschen Mietertag in Rostock.
— FRAGEN: Um 11:30 Uhr findet die Regierungspressekonferenz statt.
— NACHBAR: Um 12 Uhr empfängt Friedrich Merz seinen österreichischen
Amtskollegen Christian Stocker mit militärischen Ehren.
Das war Industrie und Handel — das Wirtschaftsbriefing von POLITICO. Vielen
Dank, dass Sie uns lesen und abonnieren. Bis zur nächsten Ausgabe!
Tag - Industriesubventionen
Was Deutschlands neue Rolle im Welthandel bedeutet – verständlich, relevant, auf
den Punkt.
Von TOM SCHMIDTGEN
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TOP-THEMEN
— Robert Habeck droht ein Untersuchungsausschuss wegen Northvolt. Der Bericht,
der den Ex-Wirtschaftsminister belastet, liegt POLITICO exklusiv vor.
— Trump will die Zölle gegen Europa offenbar nur für Quoten erleichtern. Berlin
und Brüssel fürchten einen schlechten Deal.
— Die Stromsteuer sinkt nur für die Industrie und Agrarwirtschaft. Wir
analysieren, welche Überraschungen noch in den Haushaltsplänen lauern.
Guten Morgen und willkommen bei Industrie und Handel — heute schlägt die Stunde
des Parlaments: Der alte Wirtschaftsminister muss vor dem Ausschuss aussagen,
die neue Ministerin im Plenum.
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THEMA DES TAGES
LETZTE CHANCE: Ex-Wirtschaftsminister Robert Habeck ist heute um 14 Uhr vor den
Haushaltsausschuss geladen. Die Abgeordneten wollen wissen, wieso das BMWK
Northvolt Steuergeld gab — kurz bevor der schwedische Batteriehersteller pleite
ging. Findet Habeck keine Antworten, droht ein U-Ausschuss.
Dokument: Im Vorfeld wurde der bisher unveröffentlichte PwC-Bericht (hier) —
beauftragt von Habeck, um Northvolt vorab zu prüfen — an die Abgeordneten
verschickt. Tom Schmidtgen liegt er vor.
Darum geht es: Der Bund und Schleswig-Holstein vergaben im Oktober 600 Millionen
Euro in Form einer Wandelanleihe an Northvolt. Damit sollte das Unternehmen eine
Batteriefabrik in Heide errichten. 2028 sollte Northvolt das Geld zurückzahlen.
Die Wirtschaftsprüfer legten Habeck den Bericht im Juni 2023 vor. Er erteilte
die Wandelanleihe. 2024 begannen in Heide die Bauarbeiten, im März dieses Jahres
meldete Northvolt Insolvenz an.
Darin steht: Auf 94 Seiten zeichnet PwC ein gemischtes Bild. Northvolt habe
„Start-up-Charakter“. Bis 2026 werde das Unternehmen Verluste einfahren.
Northvolt hat PwC die Daten selbst zur Verfügung gestellt. Das Unternehmen habe
bisher „vergleichsweise wenige Erfolge“ im Vergleich zu etablierten
Batterieherstellern und „keine relevanten finanziellen Reserven“.
Die Verträge seien so gestaltet, dass Kunden kündigen könnten, wenn sie
nachweisen, dass die Batterien nicht wettbewerbsfähig seien. Dies sind nach
Einschätzung des Gutachtens „marktübliche Regelungen“.
Northvolt betrieb laut Bericht kein Benchmarking, analysierte die eigenen
Prozesse also nicht. Dies sei nicht üblich.
Positiv hebt PwC hervor, dass Northvolt bekannte Autobauer als Kunden zählte,
die bereit seien, höhere Preise für europäische Batterien zu zahlen. Der
Kundenstamm sei „ausreichend diversifiziert“.
Die Ein-Prozent-Chance: Die Wahrscheinlichkeit, dass Northvolt die 600 Millionen
zurückzahlen könne, schätzt der Bericht auf 86 Prozent, einen vollständigen
Verlust auf nur ein Prozent.
Das PwC-Fazit: Das Projekt in Heide sei „grundsätzlich wirtschaftlich rentabel“.
Angebot: Gestern wurde bekannt, dass ein bisher unbekannter Interessent ein
Übernahmeangebot für Northvolt abgegeben hat; sowohl für die schwedischen
Standorte als auch für die geplante Fabrik in Heide.
Geld futsch: Im Haushaltsplan lässt sich ablesen, dass in den vergangenen zwei
Jahren bereits 2,6 Millionen an Northvolt gezahlt wurden.
Die Union spricht vom „System Habeck“. „Es wurde ein Lieblingsprojekt ohne
Rücksicht auf mögliche Verluste durchgedrückt“, sagte Andreas Lenz,
wirtschaftspolitischer Sprecher der Union, zu Tom. Kritische Stimmen wären
„unterdrückt“ worden, „gerade als sich Northvolt schon in wirtschaftlichen
Schwierigkeiten befand“.
U-Ausschuss wird wahrscheinlich: „Es muss vollumfänglich geklärt werden, warum
das Wirtschaftsministerium trotz der Warnungen die Förderung durchgedrückt hat —
notfalls durch einen Untersuchungsausschuss“, sagte Tamara Mazzi,
Haushaltspolitikerin der Linken, zu Tom. Auch in der Unionsfraktion sind Stimmen
zu hören, dass ein U-Ausschuss sinnvoll wäre, wenn die offenen Fragen heute
nicht geklärt werden.
ZÖLLE
SORGE VOR SCHLECHTEM DEAL: Friedrich Merz hoffte gestern in seiner
Regierungserklärung noch, „dass wir bis Anfang Juli mit den USA zu einer Lösung
kommen“. Auf dem Nato-Girpfel in Den Haag will Merz mit Donald Trump das
Gespräch suchen, hört Gordon Repinski vor Ort. In Brüssel und Berlin wächst die
Sorge, von der schlussendlichen Einigung enttäuscht zu werden.
Washington und Brüssel haben in den letzten Wochen mehrfach Papiere mit
Vorschlägen ausgetauscht, berichtet Hans von der Burchard unter Berufung auf
drei diplomatische Quellen aus unterschiedlichen Hauptstädten. Die
Trump-Regierung will darin Zölle nur für Quoten senken — also für ein Kontingent
von europäischen Waren. Darüber hinaus würde wieder der volle Zollsatz gelten.
Merz drängt darauf, vor allem die sektoriellen Zölle zu reduzieren oder zu
beseitigen, was „für uns existenziell wichtig“ sei (wir berichteten). Ein
Null-Zoll-Abkommen, wie von Merz vorgeschlagen, scheint chancenlos. Ausgerechnet
beim Thema Auto sind die Verhandlungen besonders schwierig, da Trump Hersteller
zur Produktionsverlagerung in die USA zwingen will.
Neue Flanke: EU-Kommissionssprecher Thomas Regnier schloss gegenüber POLITICO
ein Entgegenkommen bei digitalen Regulierungen nicht aus. Das Wall Street
Journal hatte berichtet, die EU könnte amerikanischen Unternehmen Ausnahmen vom
Digital Markets Act gewähren.
Ansichtssache: Der für die Handelsbeziehungen mit den USA zuständige
Kommissionschef Matthias Jørgensen sagte zwar gestern, die regulatorische
Autonomie der EU auf den Verhandlungstisch zu legen, sei keine Option.
Brüssel könnte aber einige seiner Bemühungen im Rahmen der Vereinfachungsagenda
als Zugeständnisse an Washington verkaufen, sagte Emilie Kerstens, Senior
Associate bei Global Counsel, meinen Kollegen in Brüssel.
„Wir müssen das Zollthema dringend lösen“, forderte auch Wirtschaftsministerin
Reiche gestern beim Tag der Industrie in Berlin. Sie setzt wie Merz zunächst auf
einen Branchen-Deal. „Wir unterstützen die EU, am 9. Juli mit einem schlanken
Paper um die Ecke zu kommen“, sagte sie. „An einem — ich will mal sagen —
Two-Pager zu arbeiten, ist unser Ziel.“
HAUSHALT
WENIGER ALS VERSPROCHEN: Nach 49 Tagen im Amt hat die Bundesregierung ihren
ersten Haushalt vorgelegt. Bei der Senkung der Energiepreise sorgte sie für
Klarheit — und für eine Enttäuschung.
Netzentgelte: Der Bund übernimmt weitere sechs Milliarden Euro für die
Stromnetze. Die Zahl nannte Ministerin Reiche beim Tag der Industrie, berichtet
Romanus Otte.
Gaspreise: Die Gasspeicherumlage entfällt. Statt über den Gaspreis bezahlt der
Bund 3,4 Milliarden Euro aus dem Klima- und Transformationsfond (KTF) für die
Gasvorsorge.
Die Stromsteuer sinkt — anders als von der Koalition versprochen — nur für
Industrie und Agrarwirtschaft. Der Rest der Wirtschaft und private Haushalte
gehen leer aus. Dem Bund entgehen immer noch 3,7 Milliarden Euro. „Hier trifft
dann sozusagen Koalitionsvertrag auf finanzielle Möglichkeit und Wirklichkeit,“
räumte Reiche ein.
WIRTSCHAFTSMINISTERIUM: Das BMWE wird mit dem Haushalt strategische Industrien
und die Dekarbonisierung weniger subventionieren als im Vorjahr. Für die
Mikroelektronik sind im KTF nur noch 2,9 Milliarden Euro vorgesehen — 2024 waren
es noch 4,8 Milliarden Euro.
Für Klimaschutzverträge sind dieses Jahr 553 Millionen Euro eingeplant, und
damit 16 Prozent weniger als im Vorjahr. Mit den Verträgen hilft das
Wirtschaftsministerium energieintensiven Industrien den Umstieg auf eine
kohlenstoffarme Produktion.
Wasserstoff wird stärker aus dem KTF gefördert: 2,1 Milliarden Euro sind für den
Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft reserviert, davon 1,7 Milliarden Euro für den
industriellen Einsatz.
Mehr Förderung: Neu ist ein Posten für die Ansiedlung von Produktion kritischer
Arzneimittel. Jährlich will die Bundesregierung dafür 50 Millionen Euro
bereitstellen.
BAUMINISTERIUM: Innerhalb des KTF wird das Programm für energieeffizientes Bauen
mit 15,3 Milliarden Euro der größte Topf. Verena Hubertz’ Haus verbucht 7,4
Milliarden Euro für dieses Jahr. Der Schwerpunkt der Ausgaben liegt mit 3,5
Milliarden Euro beim sozialen Wohnungsbau.
VERKEHRSMINISTERIUM: Die Sanierung der Autobahnen wandert aus dem Etat in das
neue Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität. Dafür sind 2,5
Milliarden in diesem Jahr reserviert.
Für klassische Verkehrsthemen — wie Straße, Schiene und Wasserwege — sind 33,4
Milliarden Euro eingeplant. Das sind 7,2 Milliarden mehr als im Vorjahr. 1,6
Milliarden Euro stehen im KTF für die E-Ladeinfrastruktur parat.
DIGITALMINISTERIUM: Das neue Haus hat noch keinen Einzelplan — stattdessen
stellt sich Karsten Wildbergers Haushalt aus den Töpfen der anderen Häuser
zusammen. Aber einige Maßnahmen werden bereits dem Digitalministerium
zugeschrieben — in Summe etwa vier Milliarden Euro.
Dazu gehören Gelder für die EUDI Wallet (131 Millionen Euro), das Bürgerkonto
(243 Millionen Euro), die Modernisierung der Registerlandschaft (263 Millionen
Euro), Transformation der IT-Dienstleistungen (45 Millionen Euro),
Mobilfunkausbau (366 Millionen Euro) und der Breitbandausbau von 2,9 Milliarden
Euro.
ROHSTOFFE
JETZT GEHT ES UM DIE RESERVE: Die Grünen und der BDI fordern den Aufbau einer
strategischen Rohstoffreserve. Das Wirtschaftsministerium stellt dafür
steuerliche Anreize für Unternehmen in Aussicht.
Wer soll das bezahlen: BDI-Präsident Peter Leibinger sagte auf dem TDI,
Deutschland müsse sich auf Engpässe vorbereiten. Deutschland habe noch keine
strategischen Reserven für Rohstoffe, Seltene Erden und Medikamente. „Das
sollten wir schnell ändern und uns die Kosten dafür zwischen Politik und
Wirtschaft in allseitigem Interesse fair aufteilen.“
Auch die Grünen fordern: „Deutschland braucht endlich eigene strategische
Reserven für kritische Rohstoffe.“ Dafür brauche es steuerliche Anreize für
Unternehmen, so Grünen-Politikerin Sandra Detzer zu Laura Hülsemann.
Wirtschaftsstaatssekretär Stefan Rouenhoff begrüßt diese Idee. Die
„Rohstoffbevorratungsrücklage, die rohstoffnutzenden Unternehmen die
Lagerhaltung steuerlich erleichtert, stellt ein mögliches Instrument dar“, sagte
Rouenhoff zu Laura.
Bewegung bei EU-Kommission: EU-Länder haben bereits strategische Reserven für Öl
und Gas, sagte Industriekommissar Stéphane Séjourné dem Handelsblatt. „Dasselbe
sollten wir für strategische Rohstoffe tun.“
Deutschland hält sich Option offen: „Ob neben einer privaten Lagerhaltung
darüber hinaus eine staatliche Rohstoffbevorratung auf europäischer Ebene
sinnvoll ist, werden wir bewerten, sobald konkrete Vorschläge der Kommission
vorliegen“, so Rouenhoff.
FACHKRÄFTEMANGEL
PFLICHTJAHR: BDI-Präsident Peter Leibinger regt an, einen Zivildienst auch in
Unternehmen leisten zu können — etwa in Projekten der Entwicklungshilfe.
„Es gibt heute eine hitzige Debatte über die Wiedereinführung der Wehrpflicht“,
sagte Leibinger beim Tag der Industrie. Es gehe ihm um junge Beschäftigte, die
sich entscheiden, ihren Zivildienst in ihrem Unternehmen für
Entwicklungshilfe-Projekte zu leisten.
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LIEFERKETTENGESETZ
1000 UND EINE RICHTLINIE: Deutschland will in der EU noch weit mehr
Deregulierung durchsetzen, als mit den Omnibus-Paketen geplant ist. Das kündigte
Ministerin Reiche beim Tag der Industrie an. Romanus hörte dort eine neue
Schärfe.
Wenn die Europäische Kommission nicht mitzieht, wird es schwierig, sagte Reiche
mit Blick auf die „Wirtschaftswende“. Die Kommission untersuche gerade, wie
viele Delegated Acts es überhaupt gibt. „Man ist mittlerweile bei über 1000“, so
Reiche. „Und es werden täglich mehr.“ Delegierte Rechtsakte ergänzen
EU-Vorschriften.
In den EU-Gesprächen zum Bürokratie-Abbau mischt sich die Bundesregierung
bereits aktiv ein. EU-Politiker von Grünen und Linken kritisieren, Deutschland
wolle den Green Deal kippen. Reiche machte nun deutlich, dass sie den Druck noch
erhöhen will.
WEISSER RAUCH BEI LIEFERKETTEN: Alle 27 EU-Länder haben sich darauf geeinigt,
die Vorschriften für Unternehmen zur Überwachung ihrer Lieferketten
abzuschwächen. Sie sollen erst ab 5.000 Mitarbeitern und 1,5 Milliarden Euro
Umsatz gelten.
Unternehmen sollen nur ihre direkten Zulieferer überwachen müssen und nicht die
gesamte Lieferkette. Die Frist zur Umsetzung in nationales Recht soll um ein
Jahr verlängert werden.
BÜROKRATIEABBAU
OMNIBUS FÜR DIE CHEMIE: Die EU-Kommission will die Regeln zur Einstufung,
Kennzeichnung und Verpackung von Chemikalien vereinfachen. Das geht aus einem
Entwurf für ein Omnibus-Paket (hier) sowie einem Begleitdokument (hier) hervor.
Die Dokumente liegen meinen Kolleginnen Leonie Carter und Marianne Gros vor.
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HEUTE WICHTIG
— MILITÄR: In Den Haag endet der Nato-Gipfel
— AUSSCHÜSSE: Ab 9 Uhr berät der Finanzausschuss über den Investitionsbooster,
bei dem sich Bund und Länder gestern auf Ausgleichszahlungen geeinigt hatten. Um
10 Uhr stellt Reiche im Wirtschaftsausschuss ihr Programm vor.
— BEIHILFE: Am Mittag stellt Wettbewerbskommissarin Teresa Ribera die Änderungen
im EU-Beihilferecht vor. Sie könnten der Weg für einen deutschen
Industriestrompreis ebnen.
— FRAGENHAGEL: Um 13 Uhr stellt sich Wirtschaftsministerin Reiche im Bundestag
den Fragen der Abgeordneten. Sie wird mit Landwirtschaftsminister Alois Rainer
befragt. Wir beobachten von der Tribüne.
Das war Industrie und Handel — das Wirtschaftsbriefing von POLITICO. Vielen
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Was Deutschlands neue Rolle im Welthandel bedeutet – verständlich, relevant, auf
den Punkt.
Von ROMANUS OTTE
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TOP-THEMEN
— Bei der Entscheidung über den Mindestlohn droht eine Verschiebung. Die Gründe
sind vor allem politischer Natur.
— Niedersachsen kritisiert die Bundesregierung, weil sie bei der Gasförderung in
der Nordsee Tempo macht, wie POLITICO berichtete.
— ArcelorMittal verzichtet lieber auf 1,3 Milliarden Euro Fördergelder, als auf
grünen Stahl umzusteigen.
Guten Morgen und willkommen bei Industrie und Handel – wir starten mit zwei
Nachträgen: Katherina Reiche ist bis morgen in den USA, nicht nur bis heute. Das
Energieunternehmen One-Dyas weist zurecht darauf hin, dass das Gasfeld vor
Borkum nicht im Wattenmeer liegt, sondern nördlich davon in der Nordsee.
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MINDESTLOHN
SHOWDOWN UM DEN MINDESTLOHN: Die Entscheidung über den Mindestlohn könnte
vertagt werden. Das hören Rasmus Buchsteiner und Romanus Otte von Gewerkschaften
und Arbeitgebern. Nächste Woche tagt die Mindestlohnkommission. Eigentlich
wollte sie am Donnerstag ihre Empfehlung abgeben.
Verspätung: Es ist möglich, dass die Kommission eine Einigung erst am 30. Juni
präsentiert – wenn überhaupt. Dafür gibt es zwei Gründe: Den zeitnahen
SPD-Parteitag und den Streit der Sozialpartner.
Viel auf dem Spiel: Einigt sich die Kommission (wieder) nicht, könnte das ihr
Ende sein. Es wäre auch ein Schlag gegen die Tarifautonomie – und könnte den
ersten Großkonflikt in der Koalition von Union und SPD
auslösen. Wirtschaftsvertreter sehen in einem höheren Mindestlohn eine
Schwächung des Standorts Deutschland im internationalen Wettbewerb.
Heikler Parteitag: In der SPD hat der im Wahlkampf versprochene Mindestlohn von
15 Euro Symbolwert. Eine auch nur geringfügig niedrigere Empfehlung oder ein
Eklat in der Kommission wären Sprengstoff für den SPD-Parteitag, der vom 27. bis
29. Juni in Berlin stattfindet – und auf dem sich Lars Klingbeil zur Wiederwahl
als SPD-Chef stellen muss.
Die Ausgangslage: Aktuell beträgt der gesetzliche Mindestlohn 12,82 Euro je
Stunde. Der nach dem Gesetz unabhängigen Mindestlohnkommission gehören je drei
Vertreter von Arbeitgebern und Gewerkschaften an. Im Falle eines Patts
entscheidet die Vorsitzende Christiane Schönefeld.
Sündenfall und Knall: Die Ampel setzte eine Anhebung auf 12 Euro per Gesetz an
der Kommission vorbei durch. Bei der nächsten Entscheidung in der Kommission
überstimmten Arbeitgeber mit der Stimme Schönefelds die Gewerkschaften.
Crash-Kurs: Um so vehementer fordern die Gewerkschaften jetzt 15 Euro. Notfalls
per Gesetz. Das sagte auch der Wirtschaftsweise Achim Truger im Interview mit
dem POLITICO Pro Industrie & Handel.
Die Arbeitgeber lehnen diese Erhöhung um 17 Prozent ab. Dass sie sich auf einen
Mindestlohn nahe 15 Euro schon 2026 einlassen, sei äußerst unwahrscheinlich,
hören Rasmus und Romanus.
Politische Klemme: Die CDU/CSU ist gegen eine starke Anhebung des Mindestlohns.
Im Koalitionsvertrag setzte die SPD die Formulierung durch, eine Erhöhung des
Mindestlohns auf 15 Euro sei 2026 „erreichbar“.
Den Mechanismus dafür bietet eine EU-Richtlinie: Sie empfiehlt, den Mindestlohn
an 60 Prozent des Medianverdienstes zu orientieren, also am mittleren Wert aller
Einkommen.
Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes entsprach der Mindestlohn Anfang 2025
rund 58 Prozent des Bruttomedianverdienstes aller vollzeitbeschäftigten
Arbeitnehmer.
Details zur Berechnung des Mindestlohns durch das gewerkschaftsnahe WSI finden
Sie hier. Berechnungen des arbeitgebernahen IW sind hier.
GASFÖRDERUNG
STREIT UM BORKUM: Infolge der Berichterstattung von POLITICO Pro Industrie &
Handel zur geplanten Gasförderung in der Nordsee hat Niedersachsen deutliche
Kritik an der Bundesregierung geübt.
Niedersachsens Umweltminister Christian Meyer (Grüne) nannte die „Eile“ der
Bundesregierung „ungewöhnlich“, berichten mehrere Medien. Er wies auf laufende
Gerichtsverfahren hin und warf der neuen Regierung vor, die Klimaziele nicht
ernst zu nehmen.
Die niederländische Firma One-Dyas will nördlich von Borkum Gas fördern. Dagegen
klagen die Insel und die Deutsche Umwelthilfe (DUH) vor dem
Oberverwaltungsgericht Lüneburg. „Selbst wenn sich die Bundesregierung zu einem
Gasförderabkommen mit den Niederlanden entschließt, sind die Entscheidungen der
Gerichte in dieser Sache abzuwarten“, sagte Meyer.
EUROPA GIBT GAS: Wie Deutschland ebnet auch Großbritannien den Weg für mehr
Förderung fossiler Energieträger in der Nordsee.
Die britische Regierung legte ein neues Antragsverfahren für Öl- und Gasprojekte
fest, wie die Vorhaben Rosebank und Jackdaw, berichtet mein Kollege Nicholas
Earl in London. Sie waren nach einem Rechtsstreit ausgesetzt worden.
Finch-Urteil: Der Oberste Gerichtshof hatte festgelegt, dass bei der Bewertung
der Umweltfolgen von Öl- und Gasprojekten auch die Endverbrauch-Emissionen
(Scope-3) berücksichtigt werden müssen.
DEKARBONISIERUNG I
STAHL BACKLASH: Das Wirtschaftsministerium „bedauert“ die Entscheidung des
Stahlkonzerns ArcelorMittal, den geplanten Umstieg zur klimaneutralen Produktion
in den Werken Bremen und Eisenhüttenstadt nicht weiterzuführen. Das Unternehmen
gab den Ausstieg gestern bekannt.
Knapp 1,3 Milliarden Euro Subventionen aus verschiedenen Fördertöpfen hätte
ArcelorMittal für den Umstieg auf grünen Stahl erhalten. Ende Mai 2024 hatte der
damalige Wirtschaftsminister Robert Habeck die Bescheide überreicht.
Der Grund für die Absage: Die Arbeiten für die Umrüstung hätte ArcelorMittal im
Juni starten müssen. Dies sei „auf Grund der Marktsituation und der fehlenden
Wirtschaftlichkeit einer CO2-reduzierten Stahlproduktion“ nicht möglich, teilte
das Unternehmen mit.
Zu hohe Strompreise: Priorität sei es, „die Stahlnachfrage in Europa so
wiederzubeleben, dass europäische Hersteller auch daran teilhaben können“, sagte
Europa-Chef Geert Van Poelvoorde in einer Mitteilung. Er forderte eine
Begrenzung der Importe von Stahl und niedrigere Strompreise.
Das Wirtschaftsministerium betont auf Nachfrage gegenüber Tom: „Es sind noch
keine Gelder geflossen.“ Andere geförderte Projekte zur Dekarbonisierung der
Stahlbranche im Umfang von etwa 5,6 Milliarden Euro liefen bereits, etwa für
Salzgitter, Thyssenkrupp Steel und die Stahl-Holding-Saar.
Dies sei „ein schwerer Rückschlag für den Industriestandort Bremen und für das
Erreichen der Klimaziele“, kommentierte der rot-rot-grüne Bremer Senat in einer
Mitteilung. „Der Senat ist tief enttäuscht und verärgert.“
Was war der Plan? ArcelorMittal wollte in Bremen und Eisenhüttenstadt drei
Lichtbogenöfen errichten, ein weiterer Ofen in Bremen sollte mit Wasserstoff
betrieben werden. Dafür sollte das Unternehmen an das Wasserstoffkernnetz
angeschlossen werden.
Ab 2026 sollte klimaneutraler Stahl produziert werden – im Vollbetrieb 3,8
Millionen Tonnen. Die CO2-Einsparungen (5,8 Millionen Tonnen) hätten mehr als 10
Prozent der Emissionen der deutschen Stahlproduktion entsprochen.
Der Ausbau des Wasserstoff-Netzes ist eng mit der Stahlindustrie verbunden, da
die Stahlhersteller als große Abnehmer eingeplant sind. Sollten andere Pläne
ebenfalls abgesagt werden, könnte das Auswirkungen auf die Planung des
Wasserstoff-Netzes haben.
DEKARBONISIERUNG II
QUOTEN-POLITIK: Das Umweltministerium hebt die Quoten für nachhaltige
Kraftstoffe im Verkehrsbereich an. Das geht aus dem Referentenentwurf des
Umweltministeriums hervor, der Tom vorliegt (hier).
E-Fuels: Bis 2040 müssen Kraftstoffen mindestens zwölf Prozent E-Fuels
beigemischt werden, ab kommendem Jahr müssen es bereits mindestens 0,1 Prozent
sein.
Biokraftstoff: In diesem Jahr müssen Hersteller 0,7 Prozent sogenannte
fortschrittliche Biokraftstoffe beimischen. Dabei handelt es sich um Sprit, der
aus Abfall gewonnen wird. Bis 2030 soll die Quote auf drei Prozent steigen.
Aktuell liegt sie bei 2,6 Prozent.
Soja- und Palmöl zahlen nicht mehr auf die Treibhausgasminderungsquote (THG)
ein, um schädliche Effekte für Natur und Umwelt (…) wie Entwaldung (…) zu
verhindern“, heißt es in der Begründung.
STELLENAUFBAU I
REICHE RÜSTET AUF: Das Wirtschaftsministerium bekommt zwei neue Referate. Eines
für die Rüstungsindustrie, einer für die Sicherheit der Wirtschaft. Das geht aus
einem Schreiben des Finanzministeriums an den Haushaltsausschuss des Bundestages
hervor, das meinem Kollegen Rasmus vorliegt (hier).
Im Wirtschaftsministerium sollen für die zwei neuen Referate 17 neue Posten
geschaffen werden. Acht Stellen, um die wachsenden Aufgaben „im Bereich der
Rüstungsindustrie“ zu übernehmen. Neun Stellen, um sich der „Sicherheit der
Wirtschaft und Stärkung der zivilen Verteidigung“ zu widmen.
Insgesamt 208 neue Stellen sind in der gesamten Bundesregierung geplant. 40
davon im Kanzleramt.
STELLENAUFBAU II
MINISTERIUM IM AUFBAU: Karsten Wildberger baut das Ministerium für
Digitalisierung und Staatsmodernisierung auf. Laut dem erwähnten Schreiben des
Finanzministeriums an den Haushaltsausschuss des Bundestages (hier) werden 150
Stellen neu geschaffen.
Das erste Organigramm des Ministeriums liegt meinem Kollegen Hans von der
Burchard vor (hier). Im Newsletter „BMDS | Info – #WirMachen” (hier) bittet
Staatssekretär Markus Richter um Feedback dazu.
Mehr zum Aufbau des Hauses lesen Sie hier.
ZÖLLE I
REICHES REICHWEITE: Die Wirtschaftsministerin ist zwar ohne
Wirtschaftsdelegation in den USA, berät sich aber vor Ort mit zahlreichen
deutschen und amerikanischen Unternehmen, unter anderem zur Zollpolitik.
Heute trifft Reiche zuerst aber US-Politiker. Auf der Agenda steht ein Termin
mit Finanzminister Scott Bessent und Trumps Handelsbeauftragten Jamieson Greer,
erfuhr Tom Schmidtgen aus ihrem Ministerium. Außerdem wird Reiche mit zehn
US-Unternehmen sprechen.
Morgen sitzt sie mit den Statthaltern von 15 großen deutschen Unternehmen in der
Deutschen Außenhandelskammer beisammen. Darunter Vertreter von BMW, Siemens,
Hapag Lloyd und sowie der DHL Group, erfuhr Tom. Es sei „eine kleine intensive
Gesprächsrunde geplant“, so ein Reiche-Sprecher zu Tom.
ZÖLLE II
GEGEN BILLIG-SCHWEMME: Lars Klingbeil will chinesische Händler wie Temu und
Shein als Importeure einstufen, hört Rasmus aus dem Finanzministerium. Den Plan
bringt Klingbeil heute beim EU-Finanzministertreffen in Luxemburg vor.
Über „Ramsch-Produkte aus China“ müsse man reden, sagte Klingbeil am Rande des
Rates, der seit gestern läuft. „Wir unterstützen deswegen die Vorschläge zur
Reform des E-Commmerce.“
Sein Plan geht darüber hinaus. Als Importeure müssten Temu und Shein
Einfuhrumsatzsteuer und Zoll zahlen. Eine Folge wäre, dass sie im Binnenmarkt
Lager errichten müssten, statt Pakete aus China direkt an die Endkunden zu
versenden.
Die EU-Kommission will ab 2028 die Zollfreigrenze für Pakete unter 150 Euro
abschaffen. Schon vorher plant die EU eine Gebühr von zwei Euro je Pakete.
CBAM
INDIENS DROHUNG: Indien will mit Gegenmaßnahmen auf den von der EU geplanten
CO2-Grenzausgleichsmechanismus (CBAM) reagieren. Das sagte Handelsminister
Piyush Goyal meinen Kollegen Graham Lanktree und Camille Gijs.
„Jedes Land, das solche Abgaben erhebt, die nichts anderes sind als
nichttarifäre Handelshemmnisse, muss mit einer umfassenden Reaktion Indiens
rechnen“, sagte Goyal.
Front der Schwellenländer: Indien ist mit China und Brasilien einer der
härtesten Kritiker des Mechanismus. Er belegt Importe von CO₂-intensiven
Produkten wie Stahl und Aluminium mit einem Klimaaufschlag.
Wachsender Partner: Für die deutsche Wirtschaft wächst die Bedeutung Indiens als
Exportmarkt. Das bevölkerungsreichste Land der Welt liegt zwar nur auf Platz 23
der größten deutschen Handelspartner. Seit Jahren steigen die Exporte aber von
Rekord zu Rekord. Wichtigste Exportgüter sind Maschinen und Chemie-Produkte.
HEUTE WICHTIG
— KONJUNKTUR: Um 8:00 Uhr veröffentlicht das Statistische Bundesamt in Wiesbaden
die Entwicklung der Erzeugerpreise gewerblicher Produkte für Mai und den
Auftragsbestand im verarbeitenden Gewerbe für April 2025.
— FINANZEN: In Luxemburg tagt der EU-Rat „Wirtschaft und Finanzen“. Lars
Klingbeil ist dabei.
—BUNDESREGIERUNG: Um 11:30 Uhr leitet Stefan Kornelius die
Regierungspressekonferenz.
— HANDEL: Um 18:30 Uhr (MESZ) gibt Wirtschaftsministerin Katherina Reiche ein
Pressestatement zu ihrer US-Reise.
Das war Industrie und Handel — das Wirtschaftsbriefing von POLITICO. Vielen
Dank, dass Sie uns lesen und abonnieren. Bis zur nächsten Ausgabe!