Was Deutschlands neue Rolle im Welthandel bedeutet – verständlich, relevant, auf
den Punkt.
Von TOM SCHMIDTGEN
Mit LAURA HÜLSEMANN und ROMANUS OTTE
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— Kanzler und Wirtschaftsministerin drängen in der EU auf eine
wirtschaftsfreundliche Linie. Oft mit Erfolg, wie Romanus Otte analysiert.
— Die Sorge vor einem Scheitern der Zoll-Verhandlungen wächst. Fraglich ist, ob
Brüssel und Berlin dasselbe Ziel haben.
— Die CDU/CSU-Fraktion hat Eckpunkte für Anreize gegen den Fachkräftemangel
beschlossen, die POLITICO vorliegen.
Guten Morgen und willkommen bei Industrie & Handel. Heute gilt: Nach dem
Nato-Gipfel ist vor dem EU-Gipfel.
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THEMA DES TAGES
DRUCK, DRUCK, DRUCK: Friedrich Merz reist heute erstmals als Kanzler zum
EU-Gipfel. Neben den Themen Ukraine, Migration und Zölle (unten mehr) hat Merz
in Brüssel eine besondere Mission.
Er will die Wirtschaftswende à la Deutschland in die EU bringen, hören
POLITICO-Kolleginnen und Kollegen in vielen Gesprächen in Berlin und Brüssel.
„Deutschland ist zurück“, lautet Merz’ Mantra. In der EU hat das zwei Folgen.
Die schwarz-rote-Bundesregierung dreht die Wirtschaftspolitik auf rechts. Und
Merz macht den Anspruch deutlich, diese Linie auch in Europa durchzusetzen.
Neue Inhalte, neuer Stil: Deutlich wurde das zuerst bei der Lockerung der
Lieferkettenrichtlinie sowie am Streit um die geplante Richtlinie gegen
Greenwashing in der Werbung.
Die Green-Claims-Richtlinie wurde auch durch Druck aus Deutschland zur Kampfzone
zwischen Parlament und Kommission (mehr hier).
Erst nein: Am Freitag hatte es noch geheißen, die Richtlinie werde
zurückgezogen.
Dann vielleicht: Gestern stellte ein EU-Beamter, der Kommissionschefin Ursula
von der Leyen nahesteht, gegenüber meinen Kollegen Marianne Gros und Karl
Mathiesen klar: „Zu keinem Zeitpunkt hat es einen Rückzieher bei der
Verpflichtung zu den Green Claims gegeben.“
Merz ficht den Streit nicht an. Unterstützt wird er von der EVP-Fraktion. Deren
Chef Manfred Weber nannte die Debatte um die Green-Claims-Absage im Interview
mit meinen Kollegen Oliver Noyan, Rasmus Buchsteiner und Hans von der Burchard
„grotesk“ (mehr hier).
Omnibus? Güterzug! Merz und Wirtschaftsministerin Reiche verweisen auf mehr als
1000 Rechtsakte der EU. Um sie zu verschlanken, brauche es keinen Omnibus, sagt
Reiche, sondern einen australischen Eisenerz-Güterzug. Die längsten haben 655
Waggons.
‚Ich will alles.’ In Brüssel werde Merz heute seine Themen Wettbewerbsfähigkeit
und Bürokratieabbau pushen, erfuhr meine Kollegin Nette Nöstlinger aus
Regierungskreisen in Berlin.
BEISPIEL INDUSTRIESTROMPREIS: Bei ihrem Amtsantritt hatte Reiche noch gewarnt,
für die geplanten Subventionen für Strompreise und neue Reserve-Gaskraftwerke
müsse sie in Brüssel noch „dicke Bretter“ bohren.
50 Tage später ist das Brett durch. Brüssel macht den Weg für den
Industriestrompreis frei. Die Kommission veränderte den Beihilferahmen so, dass
Strompreis-Subventionen für besonders energieintensive Unternehmen möglich
werden.
Was erlaubt wird: Subventionen dürfen den Marktpreis um bis zu 50 Prozent senken
— bis zur Hälfte des Stromverbrauchs einer Firma und nicht unter 50 Euro je
Megawattstunde.
Befristung: Die Beihilfen dürfen maximal drei Jahre pro Unternehmen gewährt
werden und müssen spätestens Ende 2030 auslaufen.
Klima-Investitionen: Unternehmen müssen die Hälfte der Beihilfen innerhalb von
vier Jahren in die Senkung ihrer CO2-Emissionen investieren. Förderfähig sind
erneuerbare Energien, Speicher, CO2-armer Wasserstoff und unter Umständen auch
Gas und Atomkraft.
Reiche begrüßte den Schritt. Offiziell zumindest. In einer Fragestunde im
Bundestag kritisierte sie aber die Befristung und Auflagen: „Da sind wir noch
nicht durch.“
ZÖLLE
ZOLL-ZWEIFEL: Christian Forwick, Abteilungsleiter Außenwirtschaft im
Wirtschaftsministerium, äußerte Zweifel, ob ein Abkommen vor Ablauf der
Trump’schen Frist realisierbar ist.
„Wir sehen immer noch eine Menge Turbulenzen. Ich bin nicht sicher, ob der 9.
Juli, was auch immer dabei herauskommt, der richtige Termin ist“, sagte Forwick
bei einer Diskussion des Aspen Institute, die mein Kollege Jürgen Klöckner
moderierte.
Hoffnung: „Aber ich bin mir sicher, dass wir uns in die richtige Richtung
bewegen“, sagte Forwick. Er hatte Reiche vergangene Woche nach Washington
begleitet und US-Finanzminister Scott Bessent und den US-Handelsbeauftragten
Jamieson Greer getroffen.
10-Prozent-Frage: Die Regierung könne mit einem niedrigen Basiszoll leben —
wenn er Berechenbarkeit bringe. „Wenn wir Zölle alle paar Wochen ändern, ist es
für Unternehmen nicht möglich, die notwendige Planung vorzunehmen“, sagte er.
Aber 25 Prozent? Das sei ein No-Go. „Ich denke zum Beispiel an den
Automobilsektor — da gibt es einen sehr hohen Zoll von 25 Prozent“, sagte
Forwick. Das wäre „wirklich das Ende einiger Handelsbeziehungen“. Sektoren wie
Pharma, Halbleiter und Flugzeuge seien wegen ihrer starken Verflechtungen
besonders anfällig.
NUN LIEFERT MAL: Beim EU-Gipfel in Brüssel erwarten die Staats- und
Regierungschefs heute ein Update der EU-Exekutive zu den Gesprächen mit der
Trump-Administration.
Merz will auf schnelle, schlanke Abkommen zu den größten Wirtschaftszweigen
drängen. Ihn treibt die Sorge um, dass Brüssel einen umfassenden Handelsrahmen
ausarbeiten könnte, bei dem die wichtigsten deutschen Industriebranchen
schlechter wegkommen.
Die Beibehaltung der gegenseitigen Zölle „ist nicht das Mandat, das wir der
Europäischen Kommission erteilt haben“, sagte ein EU-Diplomat unseren Kollegen
Camille Gijs and Jordyn Dahl in Brüssel.
Mehr zum Stand der Zoll-Debatte und den deutschen Sorgen finden Sie hier.
FACHKRÄFTEMANGEL
AN DIE ARBEIT: Die CDU/CSU-Fraktion hat erste Vorschläge zu den im
Koalitionsvertrag vereinbarten Arbeitsanreizen gegen den Fachkräftemangel
beschlossen. Die Eckpunkte liegen meiner Kollegin Pauline von Pezold vor.
1. Aktivrente: „Wir wollen Arbeiten im Alter attraktiver machen“, heißt es zur
Aktivrente (hier). „Wer das gesetzliche Rentenalter erreicht und freiwillig
weiterarbeitet, wird sein Gehalt bis zu 2.000 Euro im Monat steuerfrei
erhalten.“
Wichtig: Der „neue Freibetrag soll zusätzlich zum Grundfreibetrag gelten“. Die
SPD wollte bisher lediglich den Grundfreibetrag auf 2000 Euro aufzustocken.
Aktivrentner sollen keine Beiträge zur Renten- und Arbeitslosenversicherung
zahlen. Damit sie weiter für ihren Arbeitgeber arbeiten können, soll für sie das
Vorbeschäftigungsverbot für befristete Verträge aufgehoben werden.
2. Überstunden: Zuschläge für Überstunden jenseits der Vollzeitarbeit sollen
steuerfrei werden (hier). Als Vollzeit sollen für tarifliche Regelungen
mindestens 34 Stunden und für nicht tariflich festgelegte Arbeitszeiten 40
Stunden pro Woche gelten.
3. Aufstockung von Teilzeit: „Wenn Arbeitgeber eine Prämie zur Ausweitung der
Arbeitszeit zahlen, werden wir diese Prämie steuerlich begünstigen“, heißt es in
dem Papier (hier). Steuerfrei sind für eine dauerhafte Erhöhung der
wöchentlichen Arbeitszeit gewährte Prämien bis maximal 225 Euro/Stunde und
insgesamt 4.500 Euro.
ARBEITSKOSTEN
DER NÄCHSTE SCHRITT BEIM RENTENPAKET: Arbeitsministerin Bärbel Bas konkretisiert
die Rentenpläne der Regierung: Sie will die Mütterrente ausweiten, das
Rentenniveau bis 2031 bei 48 Prozent festschreiben — und dennoch sollen die
Beiträge in dieser Wahlperiode nicht stärker steigen als sie es ohnehin getan
hätten.
Die Details: Rasmus Buchsteiner hat den Gesetzentwurf des Arbeitsministeriums
eingesehen, der nun im Kabinett abgestimmt werden soll. Demnach soll die
Mütterrente für Frauen mit vor 1992 geborenen Kindern erst 2028 starten. Die
Haltelinie für das Rentenniveau würde erstmals 2029 greifen.
Die Finanzierung: Die Kosten von rund 14 Milliarden Euro bis Ende 2029 übernimmt
der Bund aus Steuergeld. Der Beitragssatz steigt laut Gesetzentwurf von heute
18,6 Prozent auf 20,0 Prozent im Jahr 2028.
AUTOINDUSTRIE
NICHT MEHR GELADEN LADEN: Die technischen Anforderungen an öffentlich
zugänglichen Ladepunkten für E-Autos sollen vereinheitlicht werden. Meinem
Kollegen Lars Petersen liegt der Referentenentwurf der überarbeiteten
Ladesäulenverordnung aus dem BMWE vor (hier).
Einmal hin, alles drin: Die Regelung soll den Wildwuchs bei Steckerformaten,
digitaler Vernetzung und Authentifizierung eindämmen und gleichzeitig für
weniger Bürokratie bei den Betreibern sorgen. Sie sollen Nachweise über
technische Standards nur noch auf Anforderung vorlegen müssen.
Auch die Meldeverfahren für In- und Außerbetriebnahme sowie Betreiberwechsel
sollen leichter werden. Die Bundesnetzagentur erhält dafür erweiterte Kontroll-
und Sanktionsbefugnisse.
Zeitplan: Deutschland passt damit sein Recht an die europäische AFIR-Verordnung
an. Bis zum 4. Juli ist der Entwurf in der Verbändeanhörung.
MERCOSUR
VEREINT IM PROTEST: Frankreich und Polen haben gemeinsam Kritik am
ausgehandelten Mercosur-Abkommen geübt. Die Agrarminister warnten, das Abkommen
könne Proteste ihrer Landwirte auslösen, da es den Markt mit billigen Importen
aus Südamerika fluten würde.
Sie werfen der EU-Kommission vor, heimlich verhandelt und die Interessen der
Landwirte missachtet zu haben. Brüssel schlägt zwar ein Zusatzprotokoll und
einen Ausgleichsfonds vor, doch das überzeugt Paris und Warschau nicht.
Voraussichtlich Ende Juni oder Anfang Juli will die EU-Kommission den
Mitgliedstaaten den finalen Text des Abkommens vorlegen.
ETS2
WEITERE ENTLASTUNGEN: 16 der 27 EU-Länder wollen die bevorstehende
CO₂-Bepreisung für Autos und Heizungen ändern. Das geht aus einem Dokument
hervor, das unserer Kollegin Louise Guillot vorliegt (hier).
Deutschland unterstützt den Vorstoß. An dem Arbeitspapier schrieb auch die
Fachebene aus Berlin mit. Mit großen Preissprüngen sei niemand geholfen — auch
nicht dem Klima, hört Laura Hülsemann aus dem Umweltministerium.
Strg + Entf: Gestern hat Deutschland erstmals Zertifikate gelöscht. Insgesamt
wurden CO2-Zertifikate im Wert von 514.000 Tonnen vom Markt genommen.
Grund ist der Kohleausstieg und die dadurch wegfallenden Emissionen. Durch die
Löschung wird der sogenannte „Wasserbetteffekt“ vermieden und es dürfen nicht
mehr an anderer Stelle Klimagase ausgestoßen werden.
Mehr dazu hier.
ANSIEDLUNGSPOLITIK
SECHS AUF EINEN STREICH: Sechs Konsortien aus Deutschland haben sich bislang für
den Bau einer AI Gigafactory beworben. Die Zahl nannte das
Forschungsministerium.
„Als Bundesregierung haben wir allen deutschen Bewerbern zugesichert, ihre
Interessensbekundung gegenüber der EU-Kommission zu unterstützen“, sagte eine
Sprecherin zu Tom Schmidtgen auf Nachfrage.
Kanzler Merz hatte am Montag beim Tag der Industrie gesagt, dass Deutschland
„vielleicht eine, vielleicht zwei, sogar drei große Gigafactories“ bauen
könne.
Fünf AI Gigafactories will die EU ausschreiben und fördern. Sie bestehen aus
mehr als 100.000 speziellen Chips und sind für Anwendungen der Künstlichen
Intelligenz essenziell. Die Frist lief am 20. Juni aus.
Druck aus Dresden: Sachsen fordert, bei den Chips europäische Hersteller zu
priorisieren. Es müsse ein „Anliegen sein, auch europäische Technologien“ zu
berücksichtigen, sagte ein Regierungssprecher zu Tom. Dafür solle „die
öffentliche Beschaffung als strategisches Instrument genutzt werden“. Sachsen
hat mit dem „Silicon Saxony“ die größte Halbleiterproduktion in Europa.
HABECK KAM NICHT: Die Nachricht, über die POLITICO schon am Montag berichtet
hatte, erreichte Robert Habeck offenbar erst gestern: Er sollte im
Haushaltsausschuss zur geplatzten Northvolt-Förderung aussagen.
Party statt Northvolt: Offenbar wurde vergessen, Habeck rechtzeitig vorzuladen,
berichtet der Spiegel. Das Sekretariat habe nur die Tagesordnung aktualisiert,
ihm aber erst am Mittwoch kurz vor 11 Uhr geschrieben. Die Folge: Er kam nicht.
Der Tagesordnungspunkt wurde wegen einer Ausschuss-Grillparty am Abend fallen
gelassen.
Union sauer: „Das ist ein verantwortungsloses Machtspiel“, sagte
Unions-Fraktionsvize Sepp Müller zu Tom. Habeck gehe es nicht „um
wirtschaftliche Sorgfalt, nicht um parlamentarische Kontrolle“.
Nachfolgerin Reiche sagte in ihrer Regierungsbefragung, Habecks Entscheidung für
Northvolt sei mit guter Absicht getroffen worden, habe sich aber als
„fehlerhaft“ erwiesen.
HEUTE WICHTIG
— WIRTSCHAFTSWENDE: Um 9 Uhr berät und beschließt der Bundestag den
Investitions-Booster. Hier geht’s zur Tagesordnung.
— JAPAN: Um 13.30 Uhr tauscht sich Forschungsministerin Dorothee Bär mit dem
japanischen Minister für wirtschaftliche Sicherheit, Minoru Kiuchi, aus.
— SPD: Um 14:15 Uhr nimmt Umweltstaatssekretär Jochen Flasbarth an einer
Paneldiskussion zum Clean Industrial Deal beim Wirtschaftsforum der SPD teil.
Das war Industrie und Handel — das Wirtschaftsbriefing von POLITICO. Vielen
Dank, dass Sie uns lesen und abonnieren. Bis zur nächsten Ausgabe!
Tag - Lieferkettengesetz
Was Deutschlands neue Rolle im Welthandel bedeutet – verständlich, relevant, auf
den Punkt.
Von TOM SCHMIDTGEN
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TOP-THEMEN
— Robert Habeck droht ein Untersuchungsausschuss wegen Northvolt. Der Bericht,
der den Ex-Wirtschaftsminister belastet, liegt POLITICO exklusiv vor.
— Trump will die Zölle gegen Europa offenbar nur für Quoten erleichtern. Berlin
und Brüssel fürchten einen schlechten Deal.
— Die Stromsteuer sinkt nur für die Industrie und Agrarwirtschaft. Wir
analysieren, welche Überraschungen noch in den Haushaltsplänen lauern.
Guten Morgen und willkommen bei Industrie und Handel — heute schlägt die Stunde
des Parlaments: Der alte Wirtschaftsminister muss vor dem Ausschuss aussagen,
die neue Ministerin im Plenum.
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THEMA DES TAGES
LETZTE CHANCE: Ex-Wirtschaftsminister Robert Habeck ist heute um 14 Uhr vor den
Haushaltsausschuss geladen. Die Abgeordneten wollen wissen, wieso das BMWK
Northvolt Steuergeld gab — kurz bevor der schwedische Batteriehersteller pleite
ging. Findet Habeck keine Antworten, droht ein U-Ausschuss.
Dokument: Im Vorfeld wurde der bisher unveröffentlichte PwC-Bericht (hier) —
beauftragt von Habeck, um Northvolt vorab zu prüfen — an die Abgeordneten
verschickt. Tom Schmidtgen liegt er vor.
Darum geht es: Der Bund und Schleswig-Holstein vergaben im Oktober 600 Millionen
Euro in Form einer Wandelanleihe an Northvolt. Damit sollte das Unternehmen eine
Batteriefabrik in Heide errichten. 2028 sollte Northvolt das Geld zurückzahlen.
Die Wirtschaftsprüfer legten Habeck den Bericht im Juni 2023 vor. Er erteilte
die Wandelanleihe. 2024 begannen in Heide die Bauarbeiten, im März dieses Jahres
meldete Northvolt Insolvenz an.
Darin steht: Auf 94 Seiten zeichnet PwC ein gemischtes Bild. Northvolt habe
„Start-up-Charakter“. Bis 2026 werde das Unternehmen Verluste einfahren.
Northvolt hat PwC die Daten selbst zur Verfügung gestellt. Das Unternehmen habe
bisher „vergleichsweise wenige Erfolge“ im Vergleich zu etablierten
Batterieherstellern und „keine relevanten finanziellen Reserven“.
Die Verträge seien so gestaltet, dass Kunden kündigen könnten, wenn sie
nachweisen, dass die Batterien nicht wettbewerbsfähig seien. Dies sind nach
Einschätzung des Gutachtens „marktübliche Regelungen“.
Northvolt betrieb laut Bericht kein Benchmarking, analysierte die eigenen
Prozesse also nicht. Dies sei nicht üblich.
Positiv hebt PwC hervor, dass Northvolt bekannte Autobauer als Kunden zählte,
die bereit seien, höhere Preise für europäische Batterien zu zahlen. Der
Kundenstamm sei „ausreichend diversifiziert“.
Die Ein-Prozent-Chance: Die Wahrscheinlichkeit, dass Northvolt die 600 Millionen
zurückzahlen könne, schätzt der Bericht auf 86 Prozent, einen vollständigen
Verlust auf nur ein Prozent.
Das PwC-Fazit: Das Projekt in Heide sei „grundsätzlich wirtschaftlich rentabel“.
Angebot: Gestern wurde bekannt, dass ein bisher unbekannter Interessent ein
Übernahmeangebot für Northvolt abgegeben hat; sowohl für die schwedischen
Standorte als auch für die geplante Fabrik in Heide.
Geld futsch: Im Haushaltsplan lässt sich ablesen, dass in den vergangenen zwei
Jahren bereits 2,6 Millionen an Northvolt gezahlt wurden.
Die Union spricht vom „System Habeck“. „Es wurde ein Lieblingsprojekt ohne
Rücksicht auf mögliche Verluste durchgedrückt“, sagte Andreas Lenz,
wirtschaftspolitischer Sprecher der Union, zu Tom. Kritische Stimmen wären
„unterdrückt“ worden, „gerade als sich Northvolt schon in wirtschaftlichen
Schwierigkeiten befand“.
U-Ausschuss wird wahrscheinlich: „Es muss vollumfänglich geklärt werden, warum
das Wirtschaftsministerium trotz der Warnungen die Förderung durchgedrückt hat —
notfalls durch einen Untersuchungsausschuss“, sagte Tamara Mazzi,
Haushaltspolitikerin der Linken, zu Tom. Auch in der Unionsfraktion sind Stimmen
zu hören, dass ein U-Ausschuss sinnvoll wäre, wenn die offenen Fragen heute
nicht geklärt werden.
ZÖLLE
SORGE VOR SCHLECHTEM DEAL: Friedrich Merz hoffte gestern in seiner
Regierungserklärung noch, „dass wir bis Anfang Juli mit den USA zu einer Lösung
kommen“. Auf dem Nato-Girpfel in Den Haag will Merz mit Donald Trump das
Gespräch suchen, hört Gordon Repinski vor Ort. In Brüssel und Berlin wächst die
Sorge, von der schlussendlichen Einigung enttäuscht zu werden.
Washington und Brüssel haben in den letzten Wochen mehrfach Papiere mit
Vorschlägen ausgetauscht, berichtet Hans von der Burchard unter Berufung auf
drei diplomatische Quellen aus unterschiedlichen Hauptstädten. Die
Trump-Regierung will darin Zölle nur für Quoten senken — also für ein Kontingent
von europäischen Waren. Darüber hinaus würde wieder der volle Zollsatz gelten.
Merz drängt darauf, vor allem die sektoriellen Zölle zu reduzieren oder zu
beseitigen, was „für uns existenziell wichtig“ sei (wir berichteten). Ein
Null-Zoll-Abkommen, wie von Merz vorgeschlagen, scheint chancenlos. Ausgerechnet
beim Thema Auto sind die Verhandlungen besonders schwierig, da Trump Hersteller
zur Produktionsverlagerung in die USA zwingen will.
Neue Flanke: EU-Kommissionssprecher Thomas Regnier schloss gegenüber POLITICO
ein Entgegenkommen bei digitalen Regulierungen nicht aus. Das Wall Street
Journal hatte berichtet, die EU könnte amerikanischen Unternehmen Ausnahmen vom
Digital Markets Act gewähren.
Ansichtssache: Der für die Handelsbeziehungen mit den USA zuständige
Kommissionschef Matthias Jørgensen sagte zwar gestern, die regulatorische
Autonomie der EU auf den Verhandlungstisch zu legen, sei keine Option.
Brüssel könnte aber einige seiner Bemühungen im Rahmen der Vereinfachungsagenda
als Zugeständnisse an Washington verkaufen, sagte Emilie Kerstens, Senior
Associate bei Global Counsel, meinen Kollegen in Brüssel.
„Wir müssen das Zollthema dringend lösen“, forderte auch Wirtschaftsministerin
Reiche gestern beim Tag der Industrie in Berlin. Sie setzt wie Merz zunächst auf
einen Branchen-Deal. „Wir unterstützen die EU, am 9. Juli mit einem schlanken
Paper um die Ecke zu kommen“, sagte sie. „An einem — ich will mal sagen —
Two-Pager zu arbeiten, ist unser Ziel.“
HAUSHALT
WENIGER ALS VERSPROCHEN: Nach 49 Tagen im Amt hat die Bundesregierung ihren
ersten Haushalt vorgelegt. Bei der Senkung der Energiepreise sorgte sie für
Klarheit — und für eine Enttäuschung.
Netzentgelte: Der Bund übernimmt weitere sechs Milliarden Euro für die
Stromnetze. Die Zahl nannte Ministerin Reiche beim Tag der Industrie, berichtet
Romanus Otte.
Gaspreise: Die Gasspeicherumlage entfällt. Statt über den Gaspreis bezahlt der
Bund 3,4 Milliarden Euro aus dem Klima- und Transformationsfond (KTF) für die
Gasvorsorge.
Die Stromsteuer sinkt — anders als von der Koalition versprochen — nur für
Industrie und Agrarwirtschaft. Der Rest der Wirtschaft und private Haushalte
gehen leer aus. Dem Bund entgehen immer noch 3,7 Milliarden Euro. „Hier trifft
dann sozusagen Koalitionsvertrag auf finanzielle Möglichkeit und Wirklichkeit,“
räumte Reiche ein.
WIRTSCHAFTSMINISTERIUM: Das BMWE wird mit dem Haushalt strategische Industrien
und die Dekarbonisierung weniger subventionieren als im Vorjahr. Für die
Mikroelektronik sind im KTF nur noch 2,9 Milliarden Euro vorgesehen — 2024 waren
es noch 4,8 Milliarden Euro.
Für Klimaschutzverträge sind dieses Jahr 553 Millionen Euro eingeplant, und
damit 16 Prozent weniger als im Vorjahr. Mit den Verträgen hilft das
Wirtschaftsministerium energieintensiven Industrien den Umstieg auf eine
kohlenstoffarme Produktion.
Wasserstoff wird stärker aus dem KTF gefördert: 2,1 Milliarden Euro sind für den
Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft reserviert, davon 1,7 Milliarden Euro für den
industriellen Einsatz.
Mehr Förderung: Neu ist ein Posten für die Ansiedlung von Produktion kritischer
Arzneimittel. Jährlich will die Bundesregierung dafür 50 Millionen Euro
bereitstellen.
BAUMINISTERIUM: Innerhalb des KTF wird das Programm für energieeffizientes Bauen
mit 15,3 Milliarden Euro der größte Topf. Verena Hubertz’ Haus verbucht 7,4
Milliarden Euro für dieses Jahr. Der Schwerpunkt der Ausgaben liegt mit 3,5
Milliarden Euro beim sozialen Wohnungsbau.
VERKEHRSMINISTERIUM: Die Sanierung der Autobahnen wandert aus dem Etat in das
neue Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität. Dafür sind 2,5
Milliarden in diesem Jahr reserviert.
Für klassische Verkehrsthemen — wie Straße, Schiene und Wasserwege — sind 33,4
Milliarden Euro eingeplant. Das sind 7,2 Milliarden mehr als im Vorjahr. 1,6
Milliarden Euro stehen im KTF für die E-Ladeinfrastruktur parat.
DIGITALMINISTERIUM: Das neue Haus hat noch keinen Einzelplan — stattdessen
stellt sich Karsten Wildbergers Haushalt aus den Töpfen der anderen Häuser
zusammen. Aber einige Maßnahmen werden bereits dem Digitalministerium
zugeschrieben — in Summe etwa vier Milliarden Euro.
Dazu gehören Gelder für die EUDI Wallet (131 Millionen Euro), das Bürgerkonto
(243 Millionen Euro), die Modernisierung der Registerlandschaft (263 Millionen
Euro), Transformation der IT-Dienstleistungen (45 Millionen Euro),
Mobilfunkausbau (366 Millionen Euro) und der Breitbandausbau von 2,9 Milliarden
Euro.
ROHSTOFFE
JETZT GEHT ES UM DIE RESERVE: Die Grünen und der BDI fordern den Aufbau einer
strategischen Rohstoffreserve. Das Wirtschaftsministerium stellt dafür
steuerliche Anreize für Unternehmen in Aussicht.
Wer soll das bezahlen: BDI-Präsident Peter Leibinger sagte auf dem TDI,
Deutschland müsse sich auf Engpässe vorbereiten. Deutschland habe noch keine
strategischen Reserven für Rohstoffe, Seltene Erden und Medikamente. „Das
sollten wir schnell ändern und uns die Kosten dafür zwischen Politik und
Wirtschaft in allseitigem Interesse fair aufteilen.“
Auch die Grünen fordern: „Deutschland braucht endlich eigene strategische
Reserven für kritische Rohstoffe.“ Dafür brauche es steuerliche Anreize für
Unternehmen, so Grünen-Politikerin Sandra Detzer zu Laura Hülsemann.
Wirtschaftsstaatssekretär Stefan Rouenhoff begrüßt diese Idee. Die
„Rohstoffbevorratungsrücklage, die rohstoffnutzenden Unternehmen die
Lagerhaltung steuerlich erleichtert, stellt ein mögliches Instrument dar“, sagte
Rouenhoff zu Laura.
Bewegung bei EU-Kommission: EU-Länder haben bereits strategische Reserven für Öl
und Gas, sagte Industriekommissar Stéphane Séjourné dem Handelsblatt. „Dasselbe
sollten wir für strategische Rohstoffe tun.“
Deutschland hält sich Option offen: „Ob neben einer privaten Lagerhaltung
darüber hinaus eine staatliche Rohstoffbevorratung auf europäischer Ebene
sinnvoll ist, werden wir bewerten, sobald konkrete Vorschläge der Kommission
vorliegen“, so Rouenhoff.
FACHKRÄFTEMANGEL
PFLICHTJAHR: BDI-Präsident Peter Leibinger regt an, einen Zivildienst auch in
Unternehmen leisten zu können — etwa in Projekten der Entwicklungshilfe.
„Es gibt heute eine hitzige Debatte über die Wiedereinführung der Wehrpflicht“,
sagte Leibinger beim Tag der Industrie. Es gehe ihm um junge Beschäftigte, die
sich entscheiden, ihren Zivildienst in ihrem Unternehmen für
Entwicklungshilfe-Projekte zu leisten.
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LIEFERKETTENGESETZ
1000 UND EINE RICHTLINIE: Deutschland will in der EU noch weit mehr
Deregulierung durchsetzen, als mit den Omnibus-Paketen geplant ist. Das kündigte
Ministerin Reiche beim Tag der Industrie an. Romanus hörte dort eine neue
Schärfe.
Wenn die Europäische Kommission nicht mitzieht, wird es schwierig, sagte Reiche
mit Blick auf die „Wirtschaftswende“. Die Kommission untersuche gerade, wie
viele Delegated Acts es überhaupt gibt. „Man ist mittlerweile bei über 1000“, so
Reiche. „Und es werden täglich mehr.“ Delegierte Rechtsakte ergänzen
EU-Vorschriften.
In den EU-Gesprächen zum Bürokratie-Abbau mischt sich die Bundesregierung
bereits aktiv ein. EU-Politiker von Grünen und Linken kritisieren, Deutschland
wolle den Green Deal kippen. Reiche machte nun deutlich, dass sie den Druck noch
erhöhen will.
WEISSER RAUCH BEI LIEFERKETTEN: Alle 27 EU-Länder haben sich darauf geeinigt,
die Vorschriften für Unternehmen zur Überwachung ihrer Lieferketten
abzuschwächen. Sie sollen erst ab 5.000 Mitarbeitern und 1,5 Milliarden Euro
Umsatz gelten.
Unternehmen sollen nur ihre direkten Zulieferer überwachen müssen und nicht die
gesamte Lieferkette. Die Frist zur Umsetzung in nationales Recht soll um ein
Jahr verlängert werden.
BÜROKRATIEABBAU
OMNIBUS FÜR DIE CHEMIE: Die EU-Kommission will die Regeln zur Einstufung,
Kennzeichnung und Verpackung von Chemikalien vereinfachen. Das geht aus einem
Entwurf für ein Omnibus-Paket (hier) sowie einem Begleitdokument (hier) hervor.
Die Dokumente liegen meinen Kolleginnen Leonie Carter und Marianne Gros vor.
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HEUTE WICHTIG
— MILITÄR: In Den Haag endet der Nato-Gipfel
— AUSSCHÜSSE: Ab 9 Uhr berät der Finanzausschuss über den Investitionsbooster,
bei dem sich Bund und Länder gestern auf Ausgleichszahlungen geeinigt hatten. Um
10 Uhr stellt Reiche im Wirtschaftsausschuss ihr Programm vor.
— BEIHILFE: Am Mittag stellt Wettbewerbskommissarin Teresa Ribera die Änderungen
im EU-Beihilferecht vor. Sie könnten der Weg für einen deutschen
Industriestrompreis ebnen.
— FRAGENHAGEL: Um 13 Uhr stellt sich Wirtschaftsministerin Reiche im Bundestag
den Fragen der Abgeordneten. Sie wird mit Landwirtschaftsminister Alois Rainer
befragt. Wir beobachten von der Tribüne.
Das war Industrie und Handel — das Wirtschaftsbriefing von POLITICO. Vielen
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Was Deutschlands neue Rolle im Welthandel bedeutet – verständlich, relevant, auf
den Punkt.
Von LAURA HÜLSEMANN
Mit ROMANUS OTTE und TOM SCHMIDTGEN
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TOP-THEMEN
— Der Kanzler fordert eine neue Strategie für die Zoll-Verhandlungen mit den
USA. Es gelte: Keep it simple.
— Das Kabinett verabschiedet heute den Haushalt. Investitionen in Verteidigung
und Infrastruktur werden hochgefahren.
— Bund und Länder haben sich beim Investitions-Booster offenbar geeinigt.
Willkommen bei Industrie und Handel – zwischen Industrie-Gipfel, Nato-Gipfel und
EU-Gipfel.
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THEMA DES TAGES
MERZ WILL DEN DEAL: Friedrich Merz fordert eine neue Strategie für die
Zoll-Verhandlungen zwischen der EU und den USA. „Diese Europäische Union
verhandelt viel zu kompliziert“, sagte er beim „Tag der Industrie“ des BDI.
POLITICO ist Medienpartner.
Gepäck für EU-Gipfel: Dies werde er gemeinsam mit dem französischen Präsidenten
Emmanuel Macron und der italienischen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni am
Donnerstag auch beim EU-Gipfel fordern, so der Kanzler.
Make trade simple again: „Die Amerikaner sind relativ einfach darauf
ausgerichtet, zu vier, fünf großen Industrien eine Vereinbarung mit uns zu
treffen“, sagte Merz.
Als Beispiel verwies er auf das erste Teilabkommen zwischen den USA und
Großbritannien. „400, 500, 600 verschiedene Zoll-Kodizes mit den Amerikanern zu
verhandeln, ist der falsche Zeitpunkt zum falschen Thema“, so Merz.
Dazu gehören laut Merz die Auto-, Chemie-, Pharma- und Maschinenbauindustrie.
Das sind „Bereiche, die für uns existenziell wichtig sind“. Hinzu komme Stahl
und Aluminium. „Da brauchen wir jetzt ein schnelles Agreement mit den
Amerikanern, und ich glaube, dass wir das erreichen können“, so Merz.
Lieber etwas Gutes, als gar nichts Perfektes. „Wir wollen nicht das Beste vom
Besten. Wir wollen das Wichtigste vom Notwendigen“, forderte Merz.
Blick nach Brüssel: Das zielte auf EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič, der den
Tag zu Gesprächen in Berlin war — und am Nachmittag beim BDI-Gipfel.
In der Pipeline: Auf einem POLITICO-Panel versprach Šefčovič, sich um die
genannten Branchen zu kümmern. Bis Jahresende werde die EU zudem Handelsabkommen
mit Indien, Indonesien und den Vereinigten Arabischen Emiraten abschließen und
deutliche Fortschritte mit Malaysia und Australien erzielen.
In Brüssel befürchtet man, dass die Kommission ihre digitalen Regularien für
solch einen Deal auflockern könnte, berichten meine Kollegen Camille
Gijs, Francesca Micheletti, Douglas Busvine. Nichts sei in den laufenden
Gesprächen vom Tisch, so der Tenor. Vor allem Europaabgeordnete sehen hierbei
eine Bedrohung der EU-Tech-Regeln — Trump hatte diese in der Vergangenheit stark
ins Visier genommen.
Šefčovič arbeitet daran, ein US-Handelsabkommen bis zum 9. Juli abzuschließen.
„Und die Gespräche kommen voran“, sagte Šefčovič nach einem Treffen mit
Klingbeil. Dabei seien mehr als 1.000 Zolltarifpositionen behandelt worden,
sagte der slowakische EU-Kommissar.
Der Ausschuss lässt ihn sitzen: Abgeordnete des Wirtschafts- und
Europaausschusses trafen sich am Montag mit Šefčovič. Der Kommissar tauchte
verspätet auf, es war hektisch, heißt es von einem Teilnehmer. Doch nur etwa
zehn Personen waren vor Ort. Die Einladung war am 3. Juni versandt worden, im
Anhang (hier) ein Infoblatt, berichten Tom Schmidtgen und Laura Hülsemann.
Weiter geht‘s: Heute spricht Katherina Reiche auf dem Tag der Industrie darüber,
wie die Wirtschaftswende konkret funktionieren kann. Auch ihre Ministerkollegen
Dorothee Bär und Karsten Wildberger sprechen heute beim TDI.
DIE DEUTSCHE INDUSTRIE blickt pessimistischer auf die Konjunktur als die meisten
Ökonomen. Der BDI erwartet, dass die Wirtschaft 2025 um 0,2 Prozent schrumpft —
ein halber Prozentpunkt weniger als der Konsens.
Wie der BDI sieht das Ifo-Institut enorme Risiken in US-Zöllen. In einer neuen
Simulation kommen die Ökonomen zu dem Ergebnis, dass das angedrohte US-Zollpaket
die deutsche Industrie 2,8 Prozent Wachstum kosten könnte. Die deutschen Exporte
in die USA würden um 38,5 Prozent zurückgehen. Die Autoindustrie müsse mit
Wertschöpfungsverlusten bis zu sechs Prozent rechnen, die Pharmaindustrie könnte
sogar neun Prozent verlieren.
INVESTITIONEN
DAS BISSCHEN HAUSHALT: Das Kabinett will heute den Haushaltsentwurf beschließen
— hier ist die Tagesordnung. Die Bundesregierung will die Investitionen in
Infrastruktur und Verteidigung stark erhöhen. Das wurde Rasmus Buchsteiner aus
Kreisen des Bundesfinanzministeriums bestätigt.
Terminplan: Klingbeil gibt die Details spätestens während der
Bundespressekonferenz um 10:30 Uhr bekannt. In den frühen Morgenstunden tagt das
Kabinett.
Die Summe aller investiven Ausgaben soll in diesem Jahr auf 115,7 Milliarden
Euro steigen — gegenüber 74,5 Milliarden Euro im vergangenen Jahr; ein Plus von
55 Prozent. 2026 sollen es 123,6 Milliarden Euro sein.
Aus dem neuen Schuldentopf sollen noch im laufenden Jahr knapp zwölf Milliarden
Euro in Verkehrswege investiert werden. Vier Milliarden Euro sind für die
Digitalisierung reserviert.
In die Verteidigung sollen in diesem Jahr 95 Milliarden Euro fließen, kommendes
Jahr 118 Milliarden Euro und in vier Jahren 162 Milliarden Euro. Das entspricht
etwa 3,5 Prozent des BIP. Zusammen mit 1,5 Prozent für zivile Infrastruktur
wären das die fünf Prozent, die auf dem Nato-Gipfel beschlossen werden soll.
Den Bundesanteil beim Investitionsbooster beziffert Klingbeil bis 2029 mit 18,3
Milliarden Euro, den größten Anteil haben die degressiven Abschreibungen mit
knapp zehn Milliarden Euro.
Auch zur Stabilisierung der Sozialversicherungen will die Bundesregierung in
diesem Jahr erneut Milliardenbeträge bereitstellen, wie mein Kollege Jürgen
Klöckner erfuhr. Demnach soll etwa der Gesundheitsfonds zur Stabilisierung des
Beitragssatzes der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) ein „überjähriges
Darlehen in Höhe von 2,3 Milliarden Euro“ erhalten.
Der Haushalt für das laufende Jahr soll im September vom Bundestag beschlossen
werden, der Etat für 2026 dann Ende November. Für die Legislatur sind
Rekordschulden von 846,9 Milliarden Euro geplant. Außerdem wollen Kanzler Merz
und die Ministerrunde heute das 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen für
Infrastruktur und Klimaschutz auf den Weg bringen.
INVESTITIONS-BOOSTER
RINGEN UM DEN KOMPROMISS: Bis spät in die Nacht tagten gestern Bund und Länder,
um eine Einigung im Streit um den Investitionsbooster zu finden. Es waren gute
und konstruktive Beratungen, hört Rasmus Buchsteiner aus Regierungskreisen. Die
Deutsche Presse Agentur berichtete in den frühen Morgenstunden von einer
Einigung.
Die Einigung: Unternehmen sollen durch schnellere Abschreibungsmöglichkeiten und
eine ab 2028 sinkende Körperschaftsteuer zum Investieren bewegt werden. Da Bund,
Länder und Kommunen dadurch jedoch Milliarden verlieren dürften, sollen die
Kommunen vollständig entschädigt und die Länder anteilig über Bundesmittel für
Bildung und Krankenhäuser kompensiert werden.
EXPERTEN DÄMPFEN ERWARTUNGEN: In der öffentlichen Anhörung im Finanzausschuss
haben Sachverständige weitere Maßnahmen gefordert, wie Tom beobachtete. Hier
geht es zur Liste aller Geladenen.
Im aktuellen Paket fehlen Strukturreformen, mahnte Deborah Schanz vom Münchner
Institut für Betriebswirtschaftliche Steuerlehre an. Außerdem kritisierte sie:
Die Sonder-Abschreibung „verpufft völlig bei Unternehmen mit Verlusten, die
investieren wollen“ — diese sollten auch steuerlich unterstützt werden.
Der Grund: Eine degressive Abschreibung hilft nur Unternehmen, die Gewinne
machen und damit ihre Steuerlast drücken können.
Der Plan: Die Koalition plant ab Juli und bis Ende 2027 Unternehmen eine
degressive Abschreibung von 30 Prozent zu gestatten. Ab 2028 soll die
Körperschaftsteuer jährlich um einen Prozentpunkt auf 10 Prozent in 2032
sinken.
Bisher ließe sich nicht genau beziffern, wie groß der Effekt des
Investitionsboosters sei, sagte Stefan Bach, Steuerexperte am DIW.
Wirtschaftsweise Veronika Grimm schaltete sich online dazu. Für sie ist vor
allem die Steuersenkungen ab 2028 ein Wachstumstreiber. Aber auch sie dämpfte
die Erwartungen: „Wir können nicht sagen, wir holen ein Wachstum wie vor zwanzig
Jahren zurück.“
VERTEIDIGUNGSINDUSTRIE
DEUTSCHE DOGE: BDI-Präsident Peter Leibinger regt an, das Beschaffungsamt der
Bundeswehr in Koblenz abzuschaffen und durch eine neue Organisation zu ersetzen.
Das sagte Leibinger beim Tag der Industrie in Berlin, wie Romanus Otte
berichtet.
Leibinger verglich die Beschaffung der Bundeswehr mit dem Einkauf des
Weltkonzerns DHL. Beide müssten ein ähnliches Einkaufsvolumen managen. Aber DHL
habe dafür 600 Beschäftigte, die Koblenzer Behörde über 10.000.
Sozialverträgliches DOGE: „Ich könnte mir vorstellen, dass wir eine Art
sozialverträgliches DOGE haben“, sagte Leibinger. Koblenz dürfe wie eine Bad
Bank weiterarbeiten — „bis der letzte in den Ruhestand geht“. Er gestand, dass
dieser Vorschlag „polemisch” sei.
KANADA UND EU SCHLIEßEN VERTEIDIGUNGSPAKT: Der kanadische Premierminister Mark
Carney hat am Montag eine Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft mit der
Europäischen Union unterzeichnet. Dies dürfte ein weitere Schritt in Richtung
Unabhängigkeit von den USA sein.
Laut einer gemeinsamen Erklärung, die am Montagabend veröffentlicht wurde,
werden die EU und Kanada an einem bilateralen Abkommen im Zusammenhang mit dem
150 Milliarden Euro schweren SAFE-Plan (Security Action for Europe) der EU
arbeiten.
PERSONAL
DIE HÄUSER FORMIEREN SICH: Die Ministerien von Patrick Schnieder und Carsten
Schneider nehmen Form an. POLITICO liegen beide Organigramme vor.
Tabula Rasa macht Verkehrsminister Schnieder (hier). Nur drei Abteilungsleiter
nimmt er aus der Vorgängerregierung mit — sechs neue ziehen in die Ebene ein.
Umweltminister Schneider ist zurückhaltender (hier). Er übernimmt sieben der
Abteilungsleiter, die auch schon unter seiner Vorgängerin Steffi Lemke im Amt
waren.
LIEFERKETTENGESETZ
WENIGER IST MEHR: Die EU-Länder wollen die Zahl der Unternehmen verringern, die
sich an die Lieferkettenrichtlinie (CSDDD) halten müssen. Das geht aus dem
jüngsten Entwurf für einen Kompromiss hervor, der Marianne Gros vorliegt (hier).
Die Details: Nur Unternehmen mit mehr als 5.000 Mitarbeitern und einem Umsatz
von mehr als 1,5 Milliarden Euro sollen demnach unter CSDDD fallen. Als die
Richtlinie Juli vergangen Jahres in Kraft trat, lag der Schwellenwert für
europäische Unternehmen bei 1.000 Beschäftigten und 450 Millionen Euro.
Der Effekt: Die Regelung würde damit nur noch sehr große Unternehmen treffen
— insgesamt etwa 1.000 europäische Unternehmen. Den Mittelstand träfen die
Berichtspflichten also nicht. Mehr dazu lesen Sie hier.
To be decided: Heute treffen sich die Europaminister in Luxemburg — wo sie
höchstwahrscheinlich den Text unterstützen werden.
GREEN CLAIMS
AUS FÜR GREENWASHING-GESETZ: Nachdem auch Italien seine Unterstützung entzogen
hat, gibt es für die Green-Claims-Richtlinie keine Mehrheit mehr im EU-Rat. Die
EU-Institutionen setzten ihre Verhandlungen aus. Das Schreiben Italiens an die
Ratspräsidentschaft liegt meinen Kollegen Marianne Gros und Karl Mathiesen vor
(hier).
EU-Wettbewerbskommissarin Teresa Ribera kritisierte das Vorgehen. Verbraucher
verdienten Respekt, schrieb sie auf der Plattform Bluesky. „Wir sollten ihr
Vertrauen rechtfertigen und eine zuverlässige Information gewährleisten“, so
Ribera.
Unterstützung: „Teresa steht, wie die gesamte Kommission, zu dem Vorschlag, der
den Mitgesetzgebern vorgelegt wurde. Wir hoffen, dass wir eine Einigung erzielen
können, um die Verbraucher so zu schützen, wie sie es verdienen“, sagte ein
Beamter meinen Kollegen Karl und Marianne.
„Die Bundesregierung wartet momentan die Entscheidung auf europäischer Ebene
ab“, heißt es aus dem Umweltministerium zu Laura.
MERCOSUR
DER TRAUM VON SÜDAMERIKA: Vor einem halben Jahr wurden die Verhandlungen am
EU-Mercosur-Abkommen beendet, inzwischen sind auch die juristischen Checks und
die Übersetzung des Vertrags in die EU-Amtssprachen abgeschlossen.
Nun soll die Ratifizierung beginnen: Schon für Anfang Juli plant die
EU-Kommission die Übermittlung des Vertragstextes an die EU-Mitgliedsstaaten,
wie vier Diplomaten meinen Kollegen Hans von der Burchard und Camille Gijs
berichten.
Als EU-only-Abkommen könnte der Handelsteil des Abkommens dann recht zügig mit
qualifizierter Mehrheit ratifiziert werden — lediglich das Europaparlament
müsste noch zustimmen.
Es wird erwartet, dass die Europäische Kommission den Text nach der Tagung des
Europäischen Rates diese Woche an die Handelsdiplomaten weitergibt. Dies sagten
drei EU-Beamte gegenüber Hans und Camille.
HEUTE WICHTIG
— KONJUNKTUR: Um 10 Uhr veröffentlicht das ifo-Institut seinen
Geschäftsklima-Index.
— DIGITALISIERUNG: Abends hält Karsten Wildberger eine Festrede beim Sommerfest
des Bitkom.
Das war Industrie und Handel — das Wirtschaftsbriefing von POLITICO. Vielen
Dank, dass Sie uns lesen und abonnieren. Bis zur nächsten Ausgabe!
Was Deutschlands neue Rolle im Welthandel bedeutet – verständlich, relevant, auf
den Punkt.
Von TOM SCHMIDTGEN
Mit LAURA HÜLSEMANN, JÜRGEN KLÖCKNER und ROMANUS OTTE
Im Browser anzeigen oder hier anhören.
TOP-THEMEN
— Unternehmen sollen nicht für die Lieferkette ihrer Zulieferer haften, findet
die Bundesregierung, wie uns Stefan Rouenhoff im Interview sagte.
— Merz bricht am Wochenende zum G7-Gipfel nach Kanada auf – wo es um Rohstoffe
und den Umgang mit China gehen wird.
— Forderungen nach dem Verbrenner-Aus-Aus erreichen uns jetzt auch aus der Union
und dem Arbeitgeberverband Gesamtmetall.
Guten Morgen und willkommen bei Industrie und Handel – heute zum ersten Mal von
mir, Tom Schmidtgen.
Senden Sie Tipps an rotte@politico.eu, tschmidtgen@politico.eu,
lhulsemann@politico.eu, tmumme@politico.eu und jkloeckner@politico.eu.
Oder folgen Sie uns auf X: @TommesFrittes, @HulsemannLaura, @ThorstenMumme &
@herrkloeckner
THEMA DES TAGES
RAN AN DIE RICHTLINIE: Die Bundesregierung hat erstmals deutlich gemacht, wie
sie die EU-Lieferkettenrichtlinie entschärfen will: bei der Haftung von Managern
und Unternehmern sowie den indirekten Folgen für kleine und mittlere Firmen.
„Wir wollen keine zivilrechtlichen Haftungsregeln“, sagte Stefan Rouenhoff,
Parlamentarischer Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, zu Laura Hülsemann
und Romanus Otte.
Nicht abwälzen: „Und es sollte sichergestellt werden, dass unmittelbar vom
Gesetz betroffene große Unternehmen ihre rechtlichen Verpflichtungen nicht
einfach auf mittelständische Zulieferer abwälzen können.“
Union und SPD wollen das deutsche „Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz“
abschaffen. Zu der EU-Richtlinie vereinbarte die Koalition aber nur, sich für
eine „bürokratiearme Lösung insbesondere für kleine und mittelständische
Unternehmen“ einzusetzen.
Rouenhoff wird deutlich: „Es muss Schluss sein mit überzogenen Vorgaben für
unsere Wirtschaft.“ Damit die EU-Richtlinie für Unternehmen gangbar werde, seien
noch „wesentliche Erleichterungen nötig“.
Vorschlag aus Brüssel: Der Entwurf eines Parlamentsberichts, der unserer
Kollegin Marianne Gros exklusiv vorliegt, schlägt weitere Abschwächungen vor.
Er besagt, dass nur Unternehmen mit mehr als 3.000 Mitarbeitern und einem
Nettoumsatz von mindestens 450 Millionen Euro unter die Richtlinie fallen
sollen. Zuvor hatte die Kommission den Anteil der betroffenen Firmen über
Schwellenwerte bereits um 80 Prozent verringert.
Rouenhoffs Skepsis: Wenn die Richtlinie nur für große Unternehmen gilt, sie dann
aber die gesamte Lieferkette überwachen sollen, würden die daraus resultierenden
Pflichten auch die kleineren Zulieferer und deren Zulieferer treffen.
Was will Bas? Unklar ist, ob das SPD-geführte Arbeitsministerium da mitgeht. Ein
Sprecher von Bärbel Bas verwies auf Anfrage nur auf die Ziele des
Koalitionsvertrages.
Merz und Macron hatten sogar die völlige Abschaffung der EU-Richtlinie ins Spiel
gebracht. In diese Kerbe schlägt jetzt auch der Arbeitgeberverband
Gesamtmetall.
„Ich finde, das muss komplett fallen“, sagte Gesamtmetall-Chef Stefan Wolf zu
Romanus. „Nicht nur das deutsche Gesetz, auch die EU-Richtlinie.“
„Wenn das nicht gelingt, müssen auf jeden Fall die Gültigkeit für die gesamte
Lieferkette und die persönliche Haftung für Vorstände, Geschäftsführer und
Aufsichtsräte raus“, forderte Wolf.
G7-GIPFEL
TEAMBUILDING: Friedrich Merz reist am Sonntag in die Berge Kanadas. In
Kananaskis im Bundesstaat Alberta nimmt der Kanzler zum ersten Mal an einem
G7-Gipfel teil.
Hauptziel seit Trump II: Kein Streit, kein Eklat. Die G7 soll unbedingt eine
Gruppe der SIEBEN bleiben, hört Romanus aus der Bundesregierung. Ein „1 gegen 6“
darf es nicht geben, heißt es.
Kanadas Gastgeber Mark Carney hat dafür eine Taktik. Statt einer großen
Abschlusserklärung soll es sieben Dokumente zu Themenblöcken geben.
Die sieben Themen: Kritische Rohstoffe, Waldbrände, Migration & Schmuggel,
Künstliche Intelligenz, Quantencomputer, finanzielle Partnerschaften sowie
transnationale Übergriffe.
Der Plan: Statt über den Klimawandel über Waldbrände reden, die auch in den USA
wüten. Und die Themen Handel und Zölle sind zwar vermintes Gelände, aber an
Rohstoff-Deals hat auch Trump Interesse.
Zu Rohstoffen und Energie hat Kanada einen Aktionsplan vorbereitet. Ziel: Mit
Geld der G7 mehr Rohstofflager in Ländern des Globalen Süden zu erschließen.
Dies soll Abhängigkeiten – vor allem von China – verringern. Dazu geladen sind
unter anderem die Regierungschefs aus der Ukraine, Brasilien, Mexiko, Süd-Korea,
Südafrika und den Vereinigten Arabischen Emiraten.
Das trifft die Sorgen der deutschen Industrie: Der Verband Deutscher Maschinen-
und Anlagenbau (VDMA) hat ein Papier vorgelegt, in dem ein kritischerer Umgang
mit der Volksrepublik gefordert wird. „China spielt unfair“, sagt VDMA-Präsident
Bertram Kawlath. Die Bundesregierung müsse sich für die Einhaltung fairen
Wettbewerbs einsetzen.
Apropos unfair: Trump drohte im Vorfeld des Gipfels mit der Erhöhung der
Autozölle und stichelte gegen Deutschland. „Ich bin sicher, dass Europa und
Deutschland begeistert sein werden“, sagte er am Donnerstag. „Es ist okay einen
Mercedes zu haben, aber sie werden ihn hier bauen müssen.“
Mixed Signals: Finanzminister Scott Bessent hingegen betonte, die 90-tägige
Frist für ein Handelsabkommen mit der EU könnte verlängert werden.
America first: Eröffnet wird der Gipfel mit einem Ausblick auf die
Weltwirtschaft. Trump darf zuerst reden, hört Romanus. Dann werde sich auch Merz
„schnell einbringen”.
VERBRENNER-VERBOT
RÜCKWÄRTSGANG: Die Union will Lockerungen für die Autoindustrie. „Als
CDU/CSU-Fraktion halten wir es für sinnvoll, die Flottengrenzwerte zeitlich zu
strecken“, sagte Verkehrspolitiker Christoph Ploß zu Laura.
Die Fraktion stütze den VDA-Vorschlag „um die angeschlagene Automobilindustrie
nicht noch zusätzlich zu belasten“, so Ploß. Der Autoverband hatte gefordert,
das Verbrenner-Aus ab 2035 zu kippen, wie wir exklusiv berichtet hatten.
Die Union will „die Bedingungen für Biokraftstoffe und E-Fuels fairer
gestalten“, so Ploß. Er fordert, „CO₂-Emissionen über den gesamten Lebenszyklus
eines Fahrzeugs zu bilanzieren“.
Das SPD-geführte Umweltministerium und die verkehrspolitische Sprecherin der
Sozialdemokraten, Isabel Cademartori, sehen das anders. Sie interpretiert den
Koalitionsvertrag als Bekenntnis zum Verbrennerverbot.
„Zu 100 Prozent muss das [Verbrennerverbot] weg“, fordert dagegen der
Arbeitgeberverband Gesamtmetall. „Wir müssen einsehen, dass viele Leute einfach
immer noch kein reines Elektrofahrzeug fahren wollen“, sagte Gesamtmetall-Chef
Stefan Wolf zu Romanus.
Wenn die Autoländer „Deutschland, Frankreich, Italien und vielleicht noch Polen
gegen das Verbrennerverbot 2035 einsetzen, kann dies Erfolg haben.“
„Wenn ich sage, ich bin technologieoffen, dann kann ich nicht einfach 2035 eine
Technologie beenden“, so der Chef des größten Arbeitgeberverbandes.
Kurzes Hoch: Bliebe das Verbrennerverbot 2035, dann „werden wir in der
Fahrzeugindustrie 2033 und 2034 eine riesige Sonderkonjunktur haben, weil sich
dann sehr viele Menschen noch einmal ein Auto mit Verbrennermotor kaufen“,
prophezeite Wolf.
Düstere Prognose: „2035 haben wir in der Autoindustrie dann einen extremen
Konjunktureinbruch. Das wäre für die Industrie, den Wohlstand und die
Arbeitsplätze verheerend.“
KONJUNKTUR
DIE INDUSTRIE LEBT AUF. Mehrere Institute und die OECD haben positive
Konjunkturprognosen für Deutschland vorgelegt. Konsens für 2025 ist jetzt ein
Mini-Wachstum von 0,3 Prozent, berichtet Romanus.
Im ersten Quartal überraschte die Wirtschaft mit starken 0,4 Prozent Wachstum.
In der Industrie waren es sogar 1,6 Prozent, stellt das RWI in Essen fest.
Auch die Wertschöpfung der Industrie ist erstmals seit 2023 wieder gestiegen.
Das verarbeitende Gewerbe profitiere von höheren Rüstungsausgaben.
Weitere Details gibt es hier.
VERTEIDIGUNGSINDUSTRIE
SICHERHEIT GEHT VOR: Am 9. Juli sollen sollen BMWE und BMVg dem Kabinett neue
Beschaffungsreformen vorlegen, wie unser Kollege Chris Lunday hört.
In diesem Zuge drängt die Industrie auf schnellere Verfahren. In einem Eckpapier
der Rüstungsverbände BDSV und BDLI, das POLITICO exklusiv vorliegt, werden
konkrete Maßnahmen genannt.
Der Vorstoß zielt auf ein eigenständiges Rüstungsbeschaffungsgesetz ab, das
jenseits des allgemeinen Vergaberechts schnelle und einfache Verfahren
ermöglicht.
Vorteile für Industriepartner: Ein stärkerer Einsatz von Vorhalteverträgen soll
die Lieferfähigkeit der Bundeswehr im Krisenfall absichern. Dabei handelt es
sich um Vereinbarungen mit Industriepartnern, die eine schnelle Produktion oder
Bereitstellung bestimmter Produkte bei Bedarf ermöglichen.
Das ganze Papier finden Sie hier.
INVESTITIONS-BOOSTER
NOCH KEIN OK: Michael Kretschmer, sächsischer Ministerpräsident, verlangt beim
Investitionspaket Nachverhandlungen. „Die Steuerausfälle von Ländern und
Kommunen müssen ausgeglichen werden”, fordert der CDU-Politiker im Gespräch mit
Jürgen Klöckner und Tom Schmidtgen.
Optimistisch: Zwei Drittel der Steuerausfälle durch die Sonder-Abschreibungen
würde nicht der Bund tragen, sagte Kretschmer. Über die konkreten Maßnahmen
werde noch verhandelt. „Ich bin sehr optimistisch, dass wir eine Einigung bis
zum 11. Juli erzielen und keinen Vermittlungsausschuss brauchen.“ Am 11. Juli
sollen die Länder zustimmen.
Heute verhandelt der Bundesrat erstmals über das Investitionspaket der
Bundesregierung. Kommenden Mittwoch treffen sich die Landesfürsten erneut zur
Ministerpräsidentenkonferenz – diesmal mit Merz. Sachsen hat den Vorsitz.
Beschluss ist keine Formsache: Die Länder haben Nachverhandlungen verlangt, weil
sie die Steuerausfälle nicht tragen wollen. Kommt es zu keiner Einigung,
verzögert sich Merz’ Wirtschaftswende.
ZÖLLE
WARSCHAUER WOCHENENDE: Bernd Lange, Vorsitzender des Handelsausschusses im
Europäischen Parlament, will beim Treffen zwischen Abgeordneten des
US-Kongresses und des Europäischen Parlaments am 14. und 15. Juni in Warschau
die Rechtmäßigkeit der US-Zölle besprechen.
Den Kongress bei der Ehre packen: „Natürlich geht es darum, die
ungerechtfertigten Zoll Maßnahmen von Herrn Präsident Trump zu diskutieren“,
sagte er unserem Kollegen Gregor Schwung. Vor allem vor dem Hintergrund, dass es
juristisch fraglich sei, ob nicht nur der Kongress statt des Präsidenten dazu
die Befugnis habe, so Lange.
Parlamentarier unter sich: Der Kongressabgeordnete Nathaniel Moran sagte unserem
Kollegen Julius Brinkmann in DC, er freue sich auf den „interparlamentarischen
Dialog, bei dem wir daran arbeiten werden, die Beziehungen zwischen der EU und
den USA zu stärken”.
PHARMAINDUSTRIE
DOPPEL-IMPFUNG: Der Impfstoffhersteller Biontech will seinen Konkurrenten
Curevac für rund 1,25 Milliarden Dollar (1,08 Milliarden Euro) kaufen, teilten
die Unternehmen am Donnerstag mit.
Die Bundesregierung freut sich über die Fusion, „wodurch ein neuer deutscher
Biotech-Champion mit beeindruckendem mRNA-Patentportfolio entstehen würde“,
sagte eine BMWE-Sprecherin zu Tom Schmidtgen.
Flashback in die Corona-Zeit: Das Ministerium ist über die Kreditanstalt für
Wiederaufbau aktuell mit 13 Prozent an Curevac beteiligt. 2020 ist der Bund mit
300 Millionen Euro eingestiegen und hielt damals 23 Prozent.
Die Regierung werde als Anteilseigner kein Veto einlegen. Eine finale
Entscheidung „hinsichtlich der Beteiligung der Kreditanstalt für Wiederaufbau am
Aktientausch”, sei aber noch nicht getroffen.
USA schauen noch drüber: Allerdings muss die Fusion von der US-Kartellbehörden
genehmigt werden. „Die Transaktion ist wettbewerbsfördernd“, sagte ein Sprecher
von CureVac unserer Kollegin Francesca Micheletti.
WAS WICHTIG WIRD
— INFLATION: Das Statistische Bundesamt gibt heute um 8 Uhr die Inflationsrate
für Mai und die Insolvenzzahlen für das erste Quartal bekannt.
— WIRTSCHAFTSWENDE: Das Investitionsprogramm der Bundesregierung wird heute im
Bundesrat besprochen. Die Länder fürchten 30 Milliarden Euro Steuerausfälle.
— PARKETT: Am Nachmittag trifft sich Finanzminister Lars Klingbeil mit dem Chef
der Deutschen Börse Stephan Leithner auf dem Frankfurter Börsenparkett. Thema
soll die Bedeutung des Finanzplatzes sein.
— KONJUNKTUR: Um 9 Uhr stellt das DIW seine Konjunkturprognose vor. Eine Stunde
früher gibt das Statistische Bundesamt die Großhandelspreise für Mai 2025
bekannt, ein beliebter konjunktureller Frühindikator.
WEITERE NEWS
— Spionage: China will hat europäische Hersteller nach sensiblen Daten befragt,
bevor sie Seltene Erden und Magnete importieren durften. Das chinesische
Handelsministerium habe Unternehmen nach Kundenlisten und Produktionsdetails
gefragt, berichtet die Financial Times. Nur wer „vertrauliche Informationen“
teile, erhalte Exportgenehmigungen, so Frank Eckard, Geschäftsführer des
deutschen Magnetherstellers Magnosphere.
— Russisches Gas: Die EU-Kommission will per Gesetze alle Gasimporte aus
Russland bis Ende 2027 verbieten. Einen entsprechenden Vorschlag soll bereits am
Dienstag eingebracht werden, wie das Handelsblatt berichtet. In diesem Zuge soll
vorbereitet werden, dass Flüssigerdgas (LNG) aus den USA importiert werden kann.
Der Vorschlag kann angenommen werden, auch wenn nicht alle EU-Staaten zustimmen.