Was Deutschlands neue Rolle im Welthandel bedeutet – verständlich, relevant, auf
den Punkt.
Von LAURA HÜLSEMANN
Mit ROMANUS OTTE und TOM SCHMIDTGEN
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TOP-THEMEN
— Der Kanzler fordert eine neue Strategie für die Zoll-Verhandlungen mit den
USA. Es gelte: Keep it simple.
— Das Kabinett verabschiedet heute den Haushalt. Investitionen in Verteidigung
und Infrastruktur werden hochgefahren.
— Bund und Länder haben sich beim Investitions-Booster offenbar geeinigt.
Willkommen bei Industrie und Handel – zwischen Industrie-Gipfel, Nato-Gipfel und
EU-Gipfel.
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THEMA DES TAGES
MERZ WILL DEN DEAL: Friedrich Merz fordert eine neue Strategie für die
Zoll-Verhandlungen zwischen der EU und den USA. „Diese Europäische Union
verhandelt viel zu kompliziert“, sagte er beim „Tag der Industrie“ des BDI.
POLITICO ist Medienpartner.
Gepäck für EU-Gipfel: Dies werde er gemeinsam mit dem französischen Präsidenten
Emmanuel Macron und der italienischen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni am
Donnerstag auch beim EU-Gipfel fordern, so der Kanzler.
Make trade simple again: „Die Amerikaner sind relativ einfach darauf
ausgerichtet, zu vier, fünf großen Industrien eine Vereinbarung mit uns zu
treffen“, sagte Merz.
Als Beispiel verwies er auf das erste Teilabkommen zwischen den USA und
Großbritannien. „400, 500, 600 verschiedene Zoll-Kodizes mit den Amerikanern zu
verhandeln, ist der falsche Zeitpunkt zum falschen Thema“, so Merz.
Dazu gehören laut Merz die Auto-, Chemie-, Pharma- und Maschinenbauindustrie.
Das sind „Bereiche, die für uns existenziell wichtig sind“. Hinzu komme Stahl
und Aluminium. „Da brauchen wir jetzt ein schnelles Agreement mit den
Amerikanern, und ich glaube, dass wir das erreichen können“, so Merz.
Lieber etwas Gutes, als gar nichts Perfektes. „Wir wollen nicht das Beste vom
Besten. Wir wollen das Wichtigste vom Notwendigen“, forderte Merz.
Blick nach Brüssel: Das zielte auf EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič, der den
Tag zu Gesprächen in Berlin war — und am Nachmittag beim BDI-Gipfel.
In der Pipeline: Auf einem POLITICO-Panel versprach Šefčovič, sich um die
genannten Branchen zu kümmern. Bis Jahresende werde die EU zudem Handelsabkommen
mit Indien, Indonesien und den Vereinigten Arabischen Emiraten abschließen und
deutliche Fortschritte mit Malaysia und Australien erzielen.
In Brüssel befürchtet man, dass die Kommission ihre digitalen Regularien für
solch einen Deal auflockern könnte, berichten meine Kollegen Camille
Gijs, Francesca Micheletti, Douglas Busvine. Nichts sei in den laufenden
Gesprächen vom Tisch, so der Tenor. Vor allem Europaabgeordnete sehen hierbei
eine Bedrohung der EU-Tech-Regeln — Trump hatte diese in der Vergangenheit stark
ins Visier genommen.
Šefčovič arbeitet daran, ein US-Handelsabkommen bis zum 9. Juli abzuschließen.
„Und die Gespräche kommen voran“, sagte Šefčovič nach einem Treffen mit
Klingbeil. Dabei seien mehr als 1.000 Zolltarifpositionen behandelt worden,
sagte der slowakische EU-Kommissar.
Der Ausschuss lässt ihn sitzen: Abgeordnete des Wirtschafts- und
Europaausschusses trafen sich am Montag mit Šefčovič. Der Kommissar tauchte
verspätet auf, es war hektisch, heißt es von einem Teilnehmer. Doch nur etwa
zehn Personen waren vor Ort. Die Einladung war am 3. Juni versandt worden, im
Anhang (hier) ein Infoblatt, berichten Tom Schmidtgen und Laura Hülsemann.
Weiter geht‘s: Heute spricht Katherina Reiche auf dem Tag der Industrie darüber,
wie die Wirtschaftswende konkret funktionieren kann. Auch ihre Ministerkollegen
Dorothee Bär und Karsten Wildberger sprechen heute beim TDI.
DIE DEUTSCHE INDUSTRIE blickt pessimistischer auf die Konjunktur als die meisten
Ökonomen. Der BDI erwartet, dass die Wirtschaft 2025 um 0,2 Prozent schrumpft —
ein halber Prozentpunkt weniger als der Konsens.
Wie der BDI sieht das Ifo-Institut enorme Risiken in US-Zöllen. In einer neuen
Simulation kommen die Ökonomen zu dem Ergebnis, dass das angedrohte US-Zollpaket
die deutsche Industrie 2,8 Prozent Wachstum kosten könnte. Die deutschen Exporte
in die USA würden um 38,5 Prozent zurückgehen. Die Autoindustrie müsse mit
Wertschöpfungsverlusten bis zu sechs Prozent rechnen, die Pharmaindustrie könnte
sogar neun Prozent verlieren.
INVESTITIONEN
DAS BISSCHEN HAUSHALT: Das Kabinett will heute den Haushaltsentwurf beschließen
— hier ist die Tagesordnung. Die Bundesregierung will die Investitionen in
Infrastruktur und Verteidigung stark erhöhen. Das wurde Rasmus Buchsteiner aus
Kreisen des Bundesfinanzministeriums bestätigt.
Terminplan: Klingbeil gibt die Details spätestens während der
Bundespressekonferenz um 10:30 Uhr bekannt. In den frühen Morgenstunden tagt das
Kabinett.
Die Summe aller investiven Ausgaben soll in diesem Jahr auf 115,7 Milliarden
Euro steigen — gegenüber 74,5 Milliarden Euro im vergangenen Jahr; ein Plus von
55 Prozent. 2026 sollen es 123,6 Milliarden Euro sein.
Aus dem neuen Schuldentopf sollen noch im laufenden Jahr knapp zwölf Milliarden
Euro in Verkehrswege investiert werden. Vier Milliarden Euro sind für die
Digitalisierung reserviert.
In die Verteidigung sollen in diesem Jahr 95 Milliarden Euro fließen, kommendes
Jahr 118 Milliarden Euro und in vier Jahren 162 Milliarden Euro. Das entspricht
etwa 3,5 Prozent des BIP. Zusammen mit 1,5 Prozent für zivile Infrastruktur
wären das die fünf Prozent, die auf dem Nato-Gipfel beschlossen werden soll.
Den Bundesanteil beim Investitionsbooster beziffert Klingbeil bis 2029 mit 18,3
Milliarden Euro, den größten Anteil haben die degressiven Abschreibungen mit
knapp zehn Milliarden Euro.
Auch zur Stabilisierung der Sozialversicherungen will die Bundesregierung in
diesem Jahr erneut Milliardenbeträge bereitstellen, wie mein Kollege Jürgen
Klöckner erfuhr. Demnach soll etwa der Gesundheitsfonds zur Stabilisierung des
Beitragssatzes der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) ein „überjähriges
Darlehen in Höhe von 2,3 Milliarden Euro“ erhalten.
Der Haushalt für das laufende Jahr soll im September vom Bundestag beschlossen
werden, der Etat für 2026 dann Ende November. Für die Legislatur sind
Rekordschulden von 846,9 Milliarden Euro geplant. Außerdem wollen Kanzler Merz
und die Ministerrunde heute das 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen für
Infrastruktur und Klimaschutz auf den Weg bringen.
INVESTITIONS-BOOSTER
RINGEN UM DEN KOMPROMISS: Bis spät in die Nacht tagten gestern Bund und Länder,
um eine Einigung im Streit um den Investitionsbooster zu finden. Es waren gute
und konstruktive Beratungen, hört Rasmus Buchsteiner aus Regierungskreisen. Die
Deutsche Presse Agentur berichtete in den frühen Morgenstunden von einer
Einigung.
Die Einigung: Unternehmen sollen durch schnellere Abschreibungsmöglichkeiten und
eine ab 2028 sinkende Körperschaftsteuer zum Investieren bewegt werden. Da Bund,
Länder und Kommunen dadurch jedoch Milliarden verlieren dürften, sollen die
Kommunen vollständig entschädigt und die Länder anteilig über Bundesmittel für
Bildung und Krankenhäuser kompensiert werden.
EXPERTEN DÄMPFEN ERWARTUNGEN: In der öffentlichen Anhörung im Finanzausschuss
haben Sachverständige weitere Maßnahmen gefordert, wie Tom beobachtete. Hier
geht es zur Liste aller Geladenen.
Im aktuellen Paket fehlen Strukturreformen, mahnte Deborah Schanz vom Münchner
Institut für Betriebswirtschaftliche Steuerlehre an. Außerdem kritisierte sie:
Die Sonder-Abschreibung „verpufft völlig bei Unternehmen mit Verlusten, die
investieren wollen“ — diese sollten auch steuerlich unterstützt werden.
Der Grund: Eine degressive Abschreibung hilft nur Unternehmen, die Gewinne
machen und damit ihre Steuerlast drücken können.
Der Plan: Die Koalition plant ab Juli und bis Ende 2027 Unternehmen eine
degressive Abschreibung von 30 Prozent zu gestatten. Ab 2028 soll die
Körperschaftsteuer jährlich um einen Prozentpunkt auf 10 Prozent in 2032
sinken.
Bisher ließe sich nicht genau beziffern, wie groß der Effekt des
Investitionsboosters sei, sagte Stefan Bach, Steuerexperte am DIW.
Wirtschaftsweise Veronika Grimm schaltete sich online dazu. Für sie ist vor
allem die Steuersenkungen ab 2028 ein Wachstumstreiber. Aber auch sie dämpfte
die Erwartungen: „Wir können nicht sagen, wir holen ein Wachstum wie vor zwanzig
Jahren zurück.“
VERTEIDIGUNGSINDUSTRIE
DEUTSCHE DOGE: BDI-Präsident Peter Leibinger regt an, das Beschaffungsamt der
Bundeswehr in Koblenz abzuschaffen und durch eine neue Organisation zu ersetzen.
Das sagte Leibinger beim Tag der Industrie in Berlin, wie Romanus Otte
berichtet.
Leibinger verglich die Beschaffung der Bundeswehr mit dem Einkauf des
Weltkonzerns DHL. Beide müssten ein ähnliches Einkaufsvolumen managen. Aber DHL
habe dafür 600 Beschäftigte, die Koblenzer Behörde über 10.000.
Sozialverträgliches DOGE: „Ich könnte mir vorstellen, dass wir eine Art
sozialverträgliches DOGE haben“, sagte Leibinger. Koblenz dürfe wie eine Bad
Bank weiterarbeiten — „bis der letzte in den Ruhestand geht“. Er gestand, dass
dieser Vorschlag „polemisch” sei.
KANADA UND EU SCHLIEßEN VERTEIDIGUNGSPAKT: Der kanadische Premierminister Mark
Carney hat am Montag eine Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft mit der
Europäischen Union unterzeichnet. Dies dürfte ein weitere Schritt in Richtung
Unabhängigkeit von den USA sein.
Laut einer gemeinsamen Erklärung, die am Montagabend veröffentlicht wurde,
werden die EU und Kanada an einem bilateralen Abkommen im Zusammenhang mit dem
150 Milliarden Euro schweren SAFE-Plan (Security Action for Europe) der EU
arbeiten.
PERSONAL
DIE HÄUSER FORMIEREN SICH: Die Ministerien von Patrick Schnieder und Carsten
Schneider nehmen Form an. POLITICO liegen beide Organigramme vor.
Tabula Rasa macht Verkehrsminister Schnieder (hier). Nur drei Abteilungsleiter
nimmt er aus der Vorgängerregierung mit — sechs neue ziehen in die Ebene ein.
Umweltminister Schneider ist zurückhaltender (hier). Er übernimmt sieben der
Abteilungsleiter, die auch schon unter seiner Vorgängerin Steffi Lemke im Amt
waren.
LIEFERKETTENGESETZ
WENIGER IST MEHR: Die EU-Länder wollen die Zahl der Unternehmen verringern, die
sich an die Lieferkettenrichtlinie (CSDDD) halten müssen. Das geht aus dem
jüngsten Entwurf für einen Kompromiss hervor, der Marianne Gros vorliegt (hier).
Die Details: Nur Unternehmen mit mehr als 5.000 Mitarbeitern und einem Umsatz
von mehr als 1,5 Milliarden Euro sollen demnach unter CSDDD fallen. Als die
Richtlinie Juli vergangen Jahres in Kraft trat, lag der Schwellenwert für
europäische Unternehmen bei 1.000 Beschäftigten und 450 Millionen Euro.
Der Effekt: Die Regelung würde damit nur noch sehr große Unternehmen treffen
— insgesamt etwa 1.000 europäische Unternehmen. Den Mittelstand träfen die
Berichtspflichten also nicht. Mehr dazu lesen Sie hier.
To be decided: Heute treffen sich die Europaminister in Luxemburg — wo sie
höchstwahrscheinlich den Text unterstützen werden.
GREEN CLAIMS
AUS FÜR GREENWASHING-GESETZ: Nachdem auch Italien seine Unterstützung entzogen
hat, gibt es für die Green-Claims-Richtlinie keine Mehrheit mehr im EU-Rat. Die
EU-Institutionen setzten ihre Verhandlungen aus. Das Schreiben Italiens an die
Ratspräsidentschaft liegt meinen Kollegen Marianne Gros und Karl Mathiesen vor
(hier).
EU-Wettbewerbskommissarin Teresa Ribera kritisierte das Vorgehen. Verbraucher
verdienten Respekt, schrieb sie auf der Plattform Bluesky. „Wir sollten ihr
Vertrauen rechtfertigen und eine zuverlässige Information gewährleisten“, so
Ribera.
Unterstützung: „Teresa steht, wie die gesamte Kommission, zu dem Vorschlag, der
den Mitgesetzgebern vorgelegt wurde. Wir hoffen, dass wir eine Einigung erzielen
können, um die Verbraucher so zu schützen, wie sie es verdienen“, sagte ein
Beamter meinen Kollegen Karl und Marianne.
„Die Bundesregierung wartet momentan die Entscheidung auf europäischer Ebene
ab“, heißt es aus dem Umweltministerium zu Laura.
MERCOSUR
DER TRAUM VON SÜDAMERIKA: Vor einem halben Jahr wurden die Verhandlungen am
EU-Mercosur-Abkommen beendet, inzwischen sind auch die juristischen Checks und
die Übersetzung des Vertrags in die EU-Amtssprachen abgeschlossen.
Nun soll die Ratifizierung beginnen: Schon für Anfang Juli plant die
EU-Kommission die Übermittlung des Vertragstextes an die EU-Mitgliedsstaaten,
wie vier Diplomaten meinen Kollegen Hans von der Burchard und Camille Gijs
berichten.
Als EU-only-Abkommen könnte der Handelsteil des Abkommens dann recht zügig mit
qualifizierter Mehrheit ratifiziert werden — lediglich das Europaparlament
müsste noch zustimmen.
Es wird erwartet, dass die Europäische Kommission den Text nach der Tagung des
Europäischen Rates diese Woche an die Handelsdiplomaten weitergibt. Dies sagten
drei EU-Beamte gegenüber Hans und Camille.
HEUTE WICHTIG
— KONJUNKTUR: Um 10 Uhr veröffentlicht das ifo-Institut seinen
Geschäftsklima-Index.
— DIGITALISIERUNG: Abends hält Karsten Wildberger eine Festrede beim Sommerfest
des Bitkom.
Das war Industrie und Handel — das Wirtschaftsbriefing von POLITICO. Vielen
Dank, dass Sie uns lesen und abonnieren. Bis zur nächsten Ausgabe!
Tag - Sofortprogramm Bürokratieabbau
Was Deutschlands neue Rolle im Welthandel bedeutet – verständlich, relevant, auf
den Punkt.
Von ROMANUS OTTE
Mit LAURA HÜLSEMANN und TOM SCHMIDTGEN
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TOP-THEMEN
— Bei der Entscheidung über den Mindestlohn droht eine Verschiebung. Die Gründe
sind vor allem politischer Natur.
— Niedersachsen kritisiert die Bundesregierung, weil sie bei der Gasförderung in
der Nordsee Tempo macht, wie POLITICO berichtete.
— ArcelorMittal verzichtet lieber auf 1,3 Milliarden Euro Fördergelder, als auf
grünen Stahl umzusteigen.
Guten Morgen und willkommen bei Industrie und Handel – wir starten mit zwei
Nachträgen: Katherina Reiche ist bis morgen in den USA, nicht nur bis heute. Das
Energieunternehmen One-Dyas weist zurecht darauf hin, dass das Gasfeld vor
Borkum nicht im Wattenmeer liegt, sondern nördlich davon in der Nordsee.
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MINDESTLOHN
SHOWDOWN UM DEN MINDESTLOHN: Die Entscheidung über den Mindestlohn könnte
vertagt werden. Das hören Rasmus Buchsteiner und Romanus Otte von Gewerkschaften
und Arbeitgebern. Nächste Woche tagt die Mindestlohnkommission. Eigentlich
wollte sie am Donnerstag ihre Empfehlung abgeben.
Verspätung: Es ist möglich, dass die Kommission eine Einigung erst am 30. Juni
präsentiert – wenn überhaupt. Dafür gibt es zwei Gründe: Den zeitnahen
SPD-Parteitag und den Streit der Sozialpartner.
Viel auf dem Spiel: Einigt sich die Kommission (wieder) nicht, könnte das ihr
Ende sein. Es wäre auch ein Schlag gegen die Tarifautonomie – und könnte den
ersten Großkonflikt in der Koalition von Union und SPD
auslösen. Wirtschaftsvertreter sehen in einem höheren Mindestlohn eine
Schwächung des Standorts Deutschland im internationalen Wettbewerb.
Heikler Parteitag: In der SPD hat der im Wahlkampf versprochene Mindestlohn von
15 Euro Symbolwert. Eine auch nur geringfügig niedrigere Empfehlung oder ein
Eklat in der Kommission wären Sprengstoff für den SPD-Parteitag, der vom 27. bis
29. Juni in Berlin stattfindet – und auf dem sich Lars Klingbeil zur Wiederwahl
als SPD-Chef stellen muss.
Die Ausgangslage: Aktuell beträgt der gesetzliche Mindestlohn 12,82 Euro je
Stunde. Der nach dem Gesetz unabhängigen Mindestlohnkommission gehören je drei
Vertreter von Arbeitgebern und Gewerkschaften an. Im Falle eines Patts
entscheidet die Vorsitzende Christiane Schönefeld.
Sündenfall und Knall: Die Ampel setzte eine Anhebung auf 12 Euro per Gesetz an
der Kommission vorbei durch. Bei der nächsten Entscheidung in der Kommission
überstimmten Arbeitgeber mit der Stimme Schönefelds die Gewerkschaften.
Crash-Kurs: Um so vehementer fordern die Gewerkschaften jetzt 15 Euro. Notfalls
per Gesetz. Das sagte auch der Wirtschaftsweise Achim Truger im Interview mit
dem POLITICO Pro Industrie & Handel.
Die Arbeitgeber lehnen diese Erhöhung um 17 Prozent ab. Dass sie sich auf einen
Mindestlohn nahe 15 Euro schon 2026 einlassen, sei äußerst unwahrscheinlich,
hören Rasmus und Romanus.
Politische Klemme: Die CDU/CSU ist gegen eine starke Anhebung des Mindestlohns.
Im Koalitionsvertrag setzte die SPD die Formulierung durch, eine Erhöhung des
Mindestlohns auf 15 Euro sei 2026 „erreichbar“.
Den Mechanismus dafür bietet eine EU-Richtlinie: Sie empfiehlt, den Mindestlohn
an 60 Prozent des Medianverdienstes zu orientieren, also am mittleren Wert aller
Einkommen.
Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes entsprach der Mindestlohn Anfang 2025
rund 58 Prozent des Bruttomedianverdienstes aller vollzeitbeschäftigten
Arbeitnehmer.
Details zur Berechnung des Mindestlohns durch das gewerkschaftsnahe WSI finden
Sie hier. Berechnungen des arbeitgebernahen IW sind hier.
GASFÖRDERUNG
STREIT UM BORKUM: Infolge der Berichterstattung von POLITICO Pro Industrie &
Handel zur geplanten Gasförderung in der Nordsee hat Niedersachsen deutliche
Kritik an der Bundesregierung geübt.
Niedersachsens Umweltminister Christian Meyer (Grüne) nannte die „Eile“ der
Bundesregierung „ungewöhnlich“, berichten mehrere Medien. Er wies auf laufende
Gerichtsverfahren hin und warf der neuen Regierung vor, die Klimaziele nicht
ernst zu nehmen.
Die niederländische Firma One-Dyas will nördlich von Borkum Gas fördern. Dagegen
klagen die Insel und die Deutsche Umwelthilfe (DUH) vor dem
Oberverwaltungsgericht Lüneburg. „Selbst wenn sich die Bundesregierung zu einem
Gasförderabkommen mit den Niederlanden entschließt, sind die Entscheidungen der
Gerichte in dieser Sache abzuwarten“, sagte Meyer.
EUROPA GIBT GAS: Wie Deutschland ebnet auch Großbritannien den Weg für mehr
Förderung fossiler Energieträger in der Nordsee.
Die britische Regierung legte ein neues Antragsverfahren für Öl- und Gasprojekte
fest, wie die Vorhaben Rosebank und Jackdaw, berichtet mein Kollege Nicholas
Earl in London. Sie waren nach einem Rechtsstreit ausgesetzt worden.
Finch-Urteil: Der Oberste Gerichtshof hatte festgelegt, dass bei der Bewertung
der Umweltfolgen von Öl- und Gasprojekten auch die Endverbrauch-Emissionen
(Scope-3) berücksichtigt werden müssen.
DEKARBONISIERUNG I
STAHL BACKLASH: Das Wirtschaftsministerium „bedauert“ die Entscheidung des
Stahlkonzerns ArcelorMittal, den geplanten Umstieg zur klimaneutralen Produktion
in den Werken Bremen und Eisenhüttenstadt nicht weiterzuführen. Das Unternehmen
gab den Ausstieg gestern bekannt.
Knapp 1,3 Milliarden Euro Subventionen aus verschiedenen Fördertöpfen hätte
ArcelorMittal für den Umstieg auf grünen Stahl erhalten. Ende Mai 2024 hatte der
damalige Wirtschaftsminister Robert Habeck die Bescheide überreicht.
Der Grund für die Absage: Die Arbeiten für die Umrüstung hätte ArcelorMittal im
Juni starten müssen. Dies sei „auf Grund der Marktsituation und der fehlenden
Wirtschaftlichkeit einer CO2-reduzierten Stahlproduktion“ nicht möglich, teilte
das Unternehmen mit.
Zu hohe Strompreise: Priorität sei es, „die Stahlnachfrage in Europa so
wiederzubeleben, dass europäische Hersteller auch daran teilhaben können“, sagte
Europa-Chef Geert Van Poelvoorde in einer Mitteilung. Er forderte eine
Begrenzung der Importe von Stahl und niedrigere Strompreise.
Das Wirtschaftsministerium betont auf Nachfrage gegenüber Tom: „Es sind noch
keine Gelder geflossen.“ Andere geförderte Projekte zur Dekarbonisierung der
Stahlbranche im Umfang von etwa 5,6 Milliarden Euro liefen bereits, etwa für
Salzgitter, Thyssenkrupp Steel und die Stahl-Holding-Saar.
Dies sei „ein schwerer Rückschlag für den Industriestandort Bremen und für das
Erreichen der Klimaziele“, kommentierte der rot-rot-grüne Bremer Senat in einer
Mitteilung. „Der Senat ist tief enttäuscht und verärgert.“
Was war der Plan? ArcelorMittal wollte in Bremen und Eisenhüttenstadt drei
Lichtbogenöfen errichten, ein weiterer Ofen in Bremen sollte mit Wasserstoff
betrieben werden. Dafür sollte das Unternehmen an das Wasserstoffkernnetz
angeschlossen werden.
Ab 2026 sollte klimaneutraler Stahl produziert werden – im Vollbetrieb 3,8
Millionen Tonnen. Die CO2-Einsparungen (5,8 Millionen Tonnen) hätten mehr als 10
Prozent der Emissionen der deutschen Stahlproduktion entsprochen.
Der Ausbau des Wasserstoff-Netzes ist eng mit der Stahlindustrie verbunden, da
die Stahlhersteller als große Abnehmer eingeplant sind. Sollten andere Pläne
ebenfalls abgesagt werden, könnte das Auswirkungen auf die Planung des
Wasserstoff-Netzes haben.
DEKARBONISIERUNG II
QUOTEN-POLITIK: Das Umweltministerium hebt die Quoten für nachhaltige
Kraftstoffe im Verkehrsbereich an. Das geht aus dem Referentenentwurf des
Umweltministeriums hervor, der Tom vorliegt (hier).
E-Fuels: Bis 2040 müssen Kraftstoffen mindestens zwölf Prozent E-Fuels
beigemischt werden, ab kommendem Jahr müssen es bereits mindestens 0,1 Prozent
sein.
Biokraftstoff: In diesem Jahr müssen Hersteller 0,7 Prozent sogenannte
fortschrittliche Biokraftstoffe beimischen. Dabei handelt es sich um Sprit, der
aus Abfall gewonnen wird. Bis 2030 soll die Quote auf drei Prozent steigen.
Aktuell liegt sie bei 2,6 Prozent.
Soja- und Palmöl zahlen nicht mehr auf die Treibhausgasminderungsquote (THG)
ein, um schädliche Effekte für Natur und Umwelt (…) wie Entwaldung (…) zu
verhindern“, heißt es in der Begründung.
STELLENAUFBAU I
REICHE RÜSTET AUF: Das Wirtschaftsministerium bekommt zwei neue Referate. Eines
für die Rüstungsindustrie, einer für die Sicherheit der Wirtschaft. Das geht aus
einem Schreiben des Finanzministeriums an den Haushaltsausschuss des Bundestages
hervor, das meinem Kollegen Rasmus vorliegt (hier).
Im Wirtschaftsministerium sollen für die zwei neuen Referate 17 neue Posten
geschaffen werden. Acht Stellen, um die wachsenden Aufgaben „im Bereich der
Rüstungsindustrie“ zu übernehmen. Neun Stellen, um sich der „Sicherheit der
Wirtschaft und Stärkung der zivilen Verteidigung“ zu widmen.
Insgesamt 208 neue Stellen sind in der gesamten Bundesregierung geplant. 40
davon im Kanzleramt.
STELLENAUFBAU II
MINISTERIUM IM AUFBAU: Karsten Wildberger baut das Ministerium für
Digitalisierung und Staatsmodernisierung auf. Laut dem erwähnten Schreiben des
Finanzministeriums an den Haushaltsausschuss des Bundestages (hier) werden 150
Stellen neu geschaffen.
Das erste Organigramm des Ministeriums liegt meinem Kollegen Hans von der
Burchard vor (hier). Im Newsletter „BMDS | Info – #WirMachen” (hier) bittet
Staatssekretär Markus Richter um Feedback dazu.
Mehr zum Aufbau des Hauses lesen Sie hier.
ZÖLLE I
REICHES REICHWEITE: Die Wirtschaftsministerin ist zwar ohne
Wirtschaftsdelegation in den USA, berät sich aber vor Ort mit zahlreichen
deutschen und amerikanischen Unternehmen, unter anderem zur Zollpolitik.
Heute trifft Reiche zuerst aber US-Politiker. Auf der Agenda steht ein Termin
mit Finanzminister Scott Bessent und Trumps Handelsbeauftragten Jamieson Greer,
erfuhr Tom Schmidtgen aus ihrem Ministerium. Außerdem wird Reiche mit zehn
US-Unternehmen sprechen.
Morgen sitzt sie mit den Statthaltern von 15 großen deutschen Unternehmen in der
Deutschen Außenhandelskammer beisammen. Darunter Vertreter von BMW, Siemens,
Hapag Lloyd und sowie der DHL Group, erfuhr Tom. Es sei „eine kleine intensive
Gesprächsrunde geplant“, so ein Reiche-Sprecher zu Tom.
ZÖLLE II
GEGEN BILLIG-SCHWEMME: Lars Klingbeil will chinesische Händler wie Temu und
Shein als Importeure einstufen, hört Rasmus aus dem Finanzministerium. Den Plan
bringt Klingbeil heute beim EU-Finanzministertreffen in Luxemburg vor.
Über „Ramsch-Produkte aus China“ müsse man reden, sagte Klingbeil am Rande des
Rates, der seit gestern läuft. „Wir unterstützen deswegen die Vorschläge zur
Reform des E-Commmerce.“
Sein Plan geht darüber hinaus. Als Importeure müssten Temu und Shein
Einfuhrumsatzsteuer und Zoll zahlen. Eine Folge wäre, dass sie im Binnenmarkt
Lager errichten müssten, statt Pakete aus China direkt an die Endkunden zu
versenden.
Die EU-Kommission will ab 2028 die Zollfreigrenze für Pakete unter 150 Euro
abschaffen. Schon vorher plant die EU eine Gebühr von zwei Euro je Pakete.
CBAM
INDIENS DROHUNG: Indien will mit Gegenmaßnahmen auf den von der EU geplanten
CO2-Grenzausgleichsmechanismus (CBAM) reagieren. Das sagte Handelsminister
Piyush Goyal meinen Kollegen Graham Lanktree und Camille Gijs.
„Jedes Land, das solche Abgaben erhebt, die nichts anderes sind als
nichttarifäre Handelshemmnisse, muss mit einer umfassenden Reaktion Indiens
rechnen“, sagte Goyal.
Front der Schwellenländer: Indien ist mit China und Brasilien einer der
härtesten Kritiker des Mechanismus. Er belegt Importe von CO₂-intensiven
Produkten wie Stahl und Aluminium mit einem Klimaaufschlag.
Wachsender Partner: Für die deutsche Wirtschaft wächst die Bedeutung Indiens als
Exportmarkt. Das bevölkerungsreichste Land der Welt liegt zwar nur auf Platz 23
der größten deutschen Handelspartner. Seit Jahren steigen die Exporte aber von
Rekord zu Rekord. Wichtigste Exportgüter sind Maschinen und Chemie-Produkte.
HEUTE WICHTIG
— KONJUNKTUR: Um 8:00 Uhr veröffentlicht das Statistische Bundesamt in Wiesbaden
die Entwicklung der Erzeugerpreise gewerblicher Produkte für Mai und den
Auftragsbestand im verarbeitenden Gewerbe für April 2025.
— FINANZEN: In Luxemburg tagt der EU-Rat „Wirtschaft und Finanzen“. Lars
Klingbeil ist dabei.
—BUNDESREGIERUNG: Um 11:30 Uhr leitet Stefan Kornelius die
Regierungspressekonferenz.
— HANDEL: Um 18:30 Uhr (MESZ) gibt Wirtschaftsministerin Katherina Reiche ein
Pressestatement zu ihrer US-Reise.
Das war Industrie und Handel — das Wirtschaftsbriefing von POLITICO. Vielen
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